Rundbrief Bürgerbeteiligung II/2000
CITY-Jahr für Jugendliche
Von Helmut Saiger
Bürgerbeteiligung und Bürgerkooperation sind unverzichtbare Bestandteile der Zivilgesellschaft. Praktisch umsetzen lässt sich dies mit dem Modell der »gemischten Leistungskette«. Sie bildet sich aus den Bürgern und Institutionen einer Stadt. Ein Beispiel ist das CITY-JAHR für Jugendliche.
Zielgruppe sind Jugendliche allgemein und jugendliche Arbeitslose. Die Bürger und ihre Einrichtungen machen Jugendchancen und Jugendarbeitslosigkeit zu ihrem gemeinsamen Thema. Neben verbesserten Erwerbsarbeitschancen geht es auch darum, Jugendliche mehr mit den Aktivitätsmöglichkeiten, die es im Gemeinwesen gibt, vertraut zu machen. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass Menschen über 80% ihrer wachen Lebenszeit gar nicht im Erwerbsberuf, sondern außerhalb, in Familie, Freizeit, Vereinen, usw. verbringen. Ein weiteres Ziel von CITY-JAHR ist die Vermittlung von Qualifikationen, eine Erhöhung der persönlichen und sozialen Kompetenzen von Jugendlichen.
Mögliche Teilnehmer der gemischten Leistungskette CITY-JAHR sind Kirche, Wirtschaft, Verwaltung, Arbeitsamt, Institutionen des Dritten Sektors, Bildungswesen, Vereine, Stiftung/Sponsoren, Bürgergruppen, einzelne Bürger/private Haushalte. Sie bieten Jugendlichen aus ihrem Arbeitsbereich Aktivitätsmöglichkeiten an. Hieraus entsteht das Bausteinsystem für das CITY-JAHR. Durch Interview/Assessment (was ich wirklich will) wählen Jugendliche einen oder mehrere Bausteine aus, die sie in Form eines Job-Rotation über ein Jahr durchlaufen.
Beispiele für solche Tätigkeitsbausteine: Mithilfe im Krankenhaus, in Seniorenheimen, bei ambulanten Diensten; Teilnahme an Stadtmarketing-Prozessen, Bürgergutachten; Schnuppermitgliedschaft bei Sportvereinen und anderen Vereinen; Teilnahme an Patenschaftsgruppen für Immigranten; Ökologie-Projekte; Betriebspraktikum; Zeitschrift; Homepage über das CITY-JAHR; Bürger führen in ihr Hobby ein; Mitarbeit bei Bürgerhaus und anderen Begegnungsstätten; Organisation von Jugend-Events; Streetball-Wettbewerbe u.ä.; Scout; Kundenbefragung, Verbesserungsideen für Handel und Wirtschaft; Mitarbeit bei Anlage eines Spielplatzes; Handwerkliche Projekte; Feuerwehr; Technischer Hilfsdienst; Gründung eines Tauschrings, z.B. Hilfe beim Motorrad gegen Disko-Fox lernen.
Wichtig ist, dass aus dem CITY-JAHR möglichst nachhaltige Beziehungen entstehen, wie Erwerbsarbeitsplatz, Mitgliedschaft in einem Verein, ehrenamtliches Engagement, ein neues Hobby, Freunde, Bekannte...Das CITY-JAHR wird von Qualifizierungsmaßnahmen für die erfolgreiche Bewältigung von beruflichen und außerberuflichen Lebenssituationen begleitet, z.B. Bewerbung, erste Hilfe, Steuererklärung, Internetnutzung.
Man braucht einen Projektkoordinator z.B. bei der Stadtverwaltung oder einer Stadtstiftung, qualifizierte Person(en) für Trouble-Shooting, eventuell wissenschaftliche Begleitung. Für jeden organisatorischen Teilbereich übernimmt eine Einrichtung die Koordination seiner Institutionen, z.B. eine Einrichtung des Dritten Sektors für andere Einrichtungen, ein Verein für den Vereinsbereich, IHK für Unternehmen, usw. Mithelfende Bürger und freigestellte Mitarbeiter sind für den Erfolg wichtig.
Eine Bescheinigung über das CITY-JAHR (CITY-JAHR-Zertifikat), Vorteile aus erworbenen Kontakten, neue Fähigkeiten bilden u.a. die immaterielle Motivation. Materielle Motivationen können sein: Vorteile bei Bewerbungen, Bonus-Punkte zum kostenlosen, verbilligten Besuch kommunaler Dienste und privater Angebote, z.B. Bus, VHS, Diskothek.... ; eine monatliche Geldsumme und eine Schlussbelohnung als Anreiz zum Durchhalten. CITY Jahr wird in mehreren USA-Städten erfolgreich durchgeführt. Die Jugendlichen erhalten 125 Dollar in der Woche und als Schlussbelohnung einen Bildungszuschuss von 4725 Dollar oder einen Sparbrief im Wert von 4000 Dollar. Unternehmen stellen Mitarbeiter und Know-how zur Verfügung und sponsern Einzelprojekte.
In Deutschland lassen sich soziale Mittel, frei verwendbare Mittel des Arbeitsamtes, Landesmittel aus Modellprojekten, Fundraising usw. andenken, auch die Integration in das Programm »100.000 Jobs für Jugendliche.« In den USA verdankt das Modell CITY - JAHR seinen Erfolg »der Tatsache, dass es die Ressourcen vieler Organisationen und Menschen in der Arbeit für ihre Gemeinde zusammenbringt.« (Moss-Kanter, S. 247). Im Gegensatz zur der Ausrichtung von Maßnahmen auf einzelne Zielgruppen – wie wir es im sozialen Betrieb, Arbeitsamtsmaßnahmen oder Arbeit und Sozialhilfe wieder finden – sind alle Jugendlichen Zielgruppe. Dabei sind die Jugendlichen Teil konkreter Projekte und arbeiten mit anderen Bürgern zusammen. Sie sind Teammitglieder bei der Bewältigung realer Aufgaben, statt sich nur als Objekt sozialpädagogischer Maßnahmen zu fühlen.
Die Erfahrungen aus der Bildung einer gemischten Leistungskette der Bürger für das CITY-JAHR lassen sich auf andere Projekte des Bürgerengagements und der Bürgerkooperation übertragen, z.B. Bürgergutachten, Seniorennetz, Stadtmarketingprozesse. Der kommunale Zeitaufwand kann also durchaus auch als Erfahrungs-Investition angesehen werden für den Leuchtturm: Stadt der Bürgerkooperation und Bürgerbeteiligung zu werden.
Literatur
Moss-Kanter, Rosabeth: Weltklasse, Im globalen Wettbewerb lokal triumphieren,Wien 1996, S. 244ff.
Saiger, Helmut: Die Zukunft der Arbeit liegt nicht im Beruf, Neue Beschäftigungs- und Lebensmodelle. München 1998, S. 128 ff.