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mitarbeiten (1/1996)

Leben in der »Multioptionsgesellschaft«

Gibt es nach den »45ern« und den »68ern« eine neue Generation der »89er«? Und sind unsere politischen Institutionen und Bildungseinrichtungen noch in der Lage, den komplizierter werdenden gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht zu werden? Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Vortrages des scheidenden Stiftungsratsvorsitzenden der Stiftung MITARBEIT Karl Heinz Potthast.

Anders als für die 45er (»skeptische Generation«) und die 68er (»Protestgeneration«) fehlt für »die 89er«*) ein einheitlich charakterisierendes Epitheton. In der gegenwärtigen sogenannten »Multioptionsgesellschaft«, in der einheitlich sinnstiftende Lebensmuster nicht mehr von selbst vorgegeben sind, gestaltet sich das Bild dieser »89er-Generation« vielmehr sehr uneinheitlich und bunt. Es reicht von der politisch engagierten Schülerin über den Skinhead bis zur durch Erbschaft wohlhabenden jungen Mäzenin und dem erfolgreichen Öko-Unternehmer. Soziologische Deutungsversuche erschöpfen sich daher schnell in den Begriffen »Individualisierung« und »Differenzierung«.

Nach Leggewie gibt es gleichwohl eine Reihe lebensgeschichtlicher, generationsbildender Gemeinsamkeiten. Schlüsselerlebnis aller ist das Wendejahr 1989. Gemeinsam ist zudem die Erfahrung von ungeheurem privaten Reichtum und zugleich vom Ende öffentlicher Wohltaten. Die Angehörigen der neuen Generation stehen den Verteilungskämpfen der etablierten Materialisten gleichgültig gegenüber und treten weder in Parteien, Bürgerinitiativen und neuen sozialen Bewegungen sonderlich in Erscheinung. Nur noch Minderheiten dieser Generation definieren sich über Klasseninteresse, Schichtenzugehörigkeit, Konfession oder Geschlecht.
In vielerlei Hinsicht handelt es sich um eine illusionslose Jugend, die fern aller revolutionären Utopien aufwächst und als eine »Reparaturgeneration« nüchtern lernen muß, mit den Schäden der Wohlstandsgesellschaft umzugehen.

Ohne politischen Generationenwechsel in Deutschland und in Europa wird das nach Leggewie nicht gehen. Nur eine neue Generation wird die Blockaden der Etablierten aufbrechen können. Leggewie setzt auf die Generation der heute 13- bis 30-jährigen und erwartet neue Formen des Engagements.

*) vgl. Claus Leggewie: Die 89er: Portrait einer Generation. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1995

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