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mitarbeiten (3/1999)

Individualität in Gemeinschaft

Während auf der einen Seite die Zahl der Single-Haushalte und Alleinlebenden immer mehr zunimmt, sind in den letzten Jahren zahlreiche neue Modelle des Zusammenwohnens und -lebens entstanden. Werden sich diese Modelle durchsetzen, und können sie dazu beitragen, Solidarität und sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu fördern und zu revitalisieren? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Kooperationstagung von Stiftung MITARBEIT, Evangelischer Akademie Tutzing und der anstiftung gGmbH.

Peter Marcuse, Professor für für Stadtplanung an der Columbia University New York, zeichnete zu Beginn ein dusteres Bild der aktuellen Entwicklungen der Großstädte, das in den USA noch ausgeprägter als in Europa ist. Überall führten Segregationsprozesse zu einer sozialen Spaltung der Städte in verschiedene Teile, die voneinander abgeschirmt seien und praktisch nichts mehr miteinander zu tun hätten. Ihre Extreme bilden die »Luxusstadt« auf der einen und die »aufgegebene Stadt« der sozial Deklassierten auf der anderen Seite.

Obwohl diese Entwicklung weltweit beobachtbar sei, sei sie keineswegs unumkehrbar, sondern eine Herausforderung für alle politisch Handelnden. »Die Teilung der Stadt ist sozial geschaffen und kann deshalb auch sozial verändert werden.« Erkennbar wurde die Vision einer lebendigen Stadt ohne starre physische und psychologische Grenzen, in der sich Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Gruppen natürlich begegnen und wohlfühlen

Galt Marcuses Analyse vornehmlich der Makroebene, so standen bei den anderen Beiträgen der Tagung praktische Beispiele aus dem Nahbereich im Vordergrund. Dr. Thomas Brech (Wohnbund e.V., Frankfurt am Main) gab einen Überblick über in den letzten Jahrzehnten entstandene neue Wohnformen und -modelle. Ihr gemeinames Kennzeichen sei ein Streben nach Gemeinschaft bei gleichzeitiger Wahrung von Individualität. Brech machte deutlich, daß es sich rein quantitativ noch um Ausnahmen handle, die jedoch wichtige Impulse für zukünftigen Wohnungsbau und Stadtplanung geben könnten.

Wie das in der Praxis aussehen kann, schilderte Heike Skog (WOGENO München eG). Die WOGENO ist eine Genossenschaft, die in München verschiedene Projekte im Bereich des selbstverwalteten, sozialen und ökologischen Wohnens realisiert und unterstützt. Grundprinzip ist der Solidaritätsgedanke. Angestrebt werden der Vorrang der Selbsthilfe, die Förderung nachbarschaftlicher Hilfe und die gemeinsame Organisation von Gemeinschaftseinrichtungen.

Gerda Helbig (Bundesvereinigung für gemeinschaftliches Wohnen im Alter) stellte eine Reihe von innovativen generationsübergreifenden Wohnprojekten vor. Auch sie konstatierte ein enorm gestiegenes Interesse an solchen gemeinschaftlichen Wohnformen, das durch die demographische Entwicklung zusätzlich verstärkt wird.

Ein besonders weitgehendes Gemeinschaftsmodell präsentierten Mo Auerswald und Uli Barth von der Kommune Niederkaufungen bei Kassel. Diese wurde 1986 gegründet. Inzwischen leben hier 55 Erwachsene sowie 18 Kinder und Jugendliche. Wesentliche Grundlage für das Zusammenleben bilden gemeinsames Wirtschaften und Arbeiten. Grund, Gebäude und Produktion sind gemeinschaftliches Eigentum. Neben landwirtschaftlicher Produktion betreibt die Kommune mehrere Handwerksbetriebe, eine sozial integrative Kindertagesstätte und ein Tagungs- und Begegnungshaus.

Das Schammatdorf in Trier, über das Maria Witte-Schuck berichtete, ist ein Dorf in der Stadt. In diesem Wohnprojekt mit sozialer Zielsetzung leben Familien mit Kindern, Menschen mit und ohne Behinderungen, ältere Menschen, Studenten, psychische Kranke, Alleinerziehende  – insgesamt 285 Personen – in guter Nachbarschaft zusammen und helfen sich gegenseitig im Alltag und überall dort, wo es Probleme gibt. Neben dem Grundgedanken der Nachbarschaft und Integration ist die Bereitschaft zur Übernahme von Selbstverantwortung und die Mitarbeit bei der Weiterentwicklung des Gemeinwesens (Partizipation) von besonderer Bedeutung.

Führte die Industriegesellschaft zur räumlichen Trennung von Wohnen und Arbeiten, so gibt es nun nicht zuletzt auch durch die Entwicklung der Telekommunikation gegenläufige Tendenzen. Hierauf verwies Professor André Büssing (TU München). Allerdings bezweifelte er, daß sich die ausschließlich häusliche Telearbeit massenhaft durchsetzen werde. Andere Formen wie die alternierende Telearbeit zwischen häuslichem und betrieblichem Arbeitsplatz seien wahrscheinlicher. Wege zur Integration von Wohnen und Arbeiten auch ohne Telekommunikation zeigte Dr. Elisabeth Redler von der anstiftung auf, die praktische Projekte zum Konzept der Eigenarbeit vorstellte.

Insgesamt offenbarte die Tagung ein breites Spektrum an Entwicklungsmöglichkeiten und Handlungsoptionen zur Verwirklichung von Individualität in Gemeinschaft. Vermutlich wird sich diese Vielfalt in den nächsten Jahren noch erhöhen. Wie stark der Trend gesamtgesellschaftlich sein wird, ist noch offen. Angesichts der Gleichzeitigkeit ganz verschiedener Trends, z.B. des sich von der Außenwelt abschottenden Rückzuges in technisch hochausgerüstete Wohnungen (»Cocooning«), werden wir, wie Thomas Brech es formulierte, wohl »in Ambivalenzen planen« müssen.

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