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mitarbeiten (4/2015)

»Kooperation funktioniert nur auf Augenhöhe«

Nicht erst seit den Auseinandersetzungen um Stuttgart21 wissen wir: Konflikte gehören zum Alltag der Bürgerbeteiligung dazu. Doch wie lassen sich Konflikte lösen, wenn die Fronten so verhärtet sind, dass eine Problemlösung nicht mehr in Sicht ist? Die Mediatorin Dr. Ursula König erläutert, wieso gegenseitiges Verständnis und die Bereitschaft zum wertschätzenden Dialog wichtige Gelingensfaktoren für Beteiligungsprozesse sind.

Frau König, in der Praxis der Bürgerbeteiligung gibt es immer wieder Projekte, die durch ihre Konflikte in die öffentliche Diskussion geraten. Was ist das besondere an diesen Projekten?

Ursula König: Was ich erlebe ist, dass Konflikte dann entstehen, wenn große Emotionalität im Spiel ist, wenn bei allen Beteiligten – also bei Verwaltung, bei Unternehmern, bei Politikern und bei Bürgern – über Jahre hinweg viel Frustration und Enttäuschung gewachsen ist. Dies führt zu einem großen gegenseitigen Vertrauensverlust. Damit in solchen Verfahren eine Sachdiskussion überhaupt wieder in Gang kommen kann, muss zuerst auf der Beziehungsebene gearbeitet werden. Es müssen sich tragfähige Fundamente bilden, auf denen eine Sachdiskussion und ein Dialog möglich werden. Nur so kann wieder gegenseitiges Vertrauen zwischen den Menschen entstehen.

Wie lassen sich verloren gegangenes Vertrauen und Dialogfähigkeit wieder herstellen?

Zunächst einmal muss es allen Beteiligten sinnvoll erscheinen, sich auf den Prozess einzulassen, Ressourcen und Zeit aufzuwenden und sich zu engagieren. Für eine Bürgerinitiative stellt sich beispielsweise die Frage: wie wird mit den zu erzielenden Ergebnissen umgegangen? Ist das Verfahren nur ein Feigenblatt, ein Akzeptanz-Beschaffungsverfahren, das eigentlich eh schon entschieden ist? Und die Verwaltung denkt: wir haben ja schon so viel geplant, das kann man jetzt doch nicht alles einfach über den Haufen werfen. Den Sinn und die Möglichkeiten des Verfahrens zu prüfen und abzuwägen, das ist der erste Schritt. Daneben braucht es natürlich ein sorgfältiges Prozessdesign: wer muss eingebunden werden, wie kommen die Leute überhaupt zusammen? Mediation beginnt also schon weit bevor sich die Parteien wieder an einen Tisch setzen.

Was ist noch wichtig?

Es gilt, dass Vertrauen der Beteiligten in den Prozess aufzubauen. Faire Lösungen gibt es nur durch ein faires Verfahren oder einen fairen Prozess, das ist unmittelbar miteinander verknüpft. Auch die ganze Frustration und Emotionalität, die sich aufgebaut hat, muss ernst genommen und anerkannt werden. So lange keine Anerkennung des Gegenübers da ist, geht‘s nicht.

Nun sind in diesen Konflikten ja oft auch massive Machtungleichgewichte im Spiel. In der Beteiligungspraxis ist das Denken in Machtstrukturen immer noch tief verankert und läuft häufig konträr zur Forderung nach mehr Konsens, Dialog und Kooperation. Wie gehen Sie damit um?

Macht ist ja nicht nur etwas, was als furchtbar und grauselig und unangenehm erlebt werden kann, sondern auch als Kraft, miteinander etwas zu gestalten. Dieser Paradigmenwechsel ist nicht leicht, wenn Macht in dem Sinne verstanden wird, qua Amt oder Funktion seine eigenen Interessen durchsetzen zu können. Dialog und Kooperation funktionieren nur auf Augenhöhe, und nur dann, wenn wir den Anderen mit seinen legitimen Bedürfnissen, Interessen, Anliegen, Wünschen und Hoffnungen akzeptieren. Das heißt aber nicht, dass formale Macht im Verfahren ausgehebelt wird, ein Politiker bleibt in seiner Rolle verantwortlich für das Mandat, das ihm seine Wähler gegeben haben, eine Behörde bleibt entscheidend verantwortlich im Verwaltungsverfahren. Die Kunst ist, trotz formaler Machtungleichgewichte eine Ebene des Verstehens und des gegenseitigen Verständnisses zu schaffen, die es erlaubt, an Lösungen zu denken, und diese Lösungen dann einzuschleusen ins formelle Verfahren. Nicht jeder Konflikt kann gelöst werden, aber man kann ihn zumindest auf eine Ebene bringen, wo man konstruktiv und fair damit umgeht.

Wenn Sie nach vorne schauen: wie wird sich der Umgang mit Konflikten in Beteiligungsprozessen weiterentwickeln?

Mit einem gewissen Grundoptimismus denke ich, der Lernprozess geht weiter. Mediator/innen werden lernen, wie sie flexibler mit konflikthaften Situationen umgehen können und mehr Kreativität in die Prozesse bringen. Politik und Verwaltung werden lernen, dass Konflikte auch Chancen und Möglichkeiten zur Problemlösung und Entlastung beinhalten, beispielsweise wenn Bürger/innen Expertisen beibringen, die ihnen kein Experte, den sie von extern einkaufen, jemals wird servieren können. Alle zusammen werden lernen, dass Kooperation nicht etwas grauenhaft Mühsames ist, sondern durchaus als bereichernd erlebt werden kann. Die Erfahrung zeigt, dass am Ende von gelungenen Verfahren die Menschen anders miteinander umgehen. Und beim nächsten umstrittenen Stadtentwicklungsprojekt läuft es dann schon besser, weil die Akteure gelernt haben, wertschätzend miteinander zu kommunizieren.

Zum Weiterlesen: Christoph Besemer et al.: Politische Mediation. Prinzipien und Bedingungen gelingender Vermittlung in öffentlichen Konflikten. Arbeitshilfen Nr. 47, Verlag Stiftung Mitarbeit, Bonn 2014, 212 S, 12,– Euro, ISBN  978-3-941143-17-3, zu beziehen über den Buchhandel oder unter www.mitarbeit.de

Das vollständige Gespräch im Video unter: www.mitarbeit.de/video-interviews.html

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