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mitarbeiten (4/2016)

»Flüchtlinge können für sich selber sprechen«

Flüchtlinge sind als politische Akteure kaum präsent in der Öffentlichkeit. Dennoch gibt es in Deutschland schon seit einiger Zeit eine Reihe von Initiativen, in denen sich Geflüchtete selbst organisiert haben. Sie wirken dabei auf verschiedenen Ebenen: sie mischen sich mit ihren Forderungen in die politische Debatte ein, sie schaffen solidarische Verbindungen zwischen den Communities in Europa, den Herkunftsländern und der deutschen Gesellschaft und schärfen zugleich den Blick auf die Fluchtursachen. Seit 2005 stärkt die Stiftung :do mit ihrer Förderpraxis die Rechte von Flüchtlingen und Migrant/innen. Miriam Edding, Vorstand der Hamburger Stiftung, erläutert im Gespräch, was Selbstorganisation von Geflüchteten bedeutet.

Frau Edding, welche Faktoren sind aus Ihrer Sicht für die Selbstorganisation von Geflüchteten besonders wichtig?

Es geht erst einmal darum zu begreifen, dass Geflüchtete in der Lage sind, für sich selbst zu sprechen. Selbstorganisation hilft dabei, die eigene Stimme zu erheben, sich als handelndes Subjekt, und nicht bloß als Objekt und Hilfeempfänger zu begreifen. Grundsätzlich ist es ganz wichtig, dass alle Menschen, die hier leben, die gleichen Rechte haben müssen, um an der Gesellschaft partizipieren zu können. Das ist bei vielen Geflüchteten nicht der Fall. Selbstorganisation ist ein Versuch, die Bedingungen, unter denen Geflüchtete hier leben, mit zu gestalten. Dies ist verbunden mit dem Wunsch nach Anerkennung und zugleich mit einem selbstbewussten Anspruch auf das Recht auf Differenz.

Wie läuft der Prozess der Selbstorganisation in der Praxis ab?

Im Rahmen unserer Arbeit haben wir viel Kontakt zu Flüchtlingen, die beispielsweise über Marokko nach Europa beziehungsweise nach Deutschland gekommen sind. Einige von ihnen haben sich bereits in Marokko organisiert, weil sie dort von extremer Polizeigewalt und von lebensbedrohenden Grenzmechanismen betroffen waren. In Deutschland angekommen, setzen sie vor Ort diese Vernetzungsarbeit und Selbstorganisation fort. Sie möchten mit ihrer Arbeit den Bogen spannen von ihrer Fluchtgeschichte zu der Situation in Deutschland. Sie möchten andere Flüchtlinge aus einer passiven Haltung herausholen, sie zur Mitarbeit motivieren und sie über ihre Rechte informieren.

Wie gelingt das Zusammenspiel von selbstorganisierten Geflüchteten und der Unterstützerszene?

Ein gutes Beispiel ist die Initiative »Watch the Med«, die wir als Stiftung schon lange unterstützen. Die Initiative betreibt ein rund um die Uhr erreichbares Notrufsystem für Bootsflüchtlinge in Seenot. Im Rahmen des Projekts und des dahinterstehenden Netzwerks engagieren sich ganz viele Migrant/innen, zum Beispiel aus Syrien, gemeinsam mit einheimischen Unterstützer/innen dafür, dass Menschen auf der Flucht nach Europa nicht mehr im Mittelmeer sterben. Teil der sich formierenden sozialen Bewegung sind aber auch Menschen, die noch auf dem Weg sind, bis hin zu Menschen, die nicht nach Deutschland, sondern in die USA emigriert sind.

Welche Themen halten Sie bei der Integration von Geflüchteten zukünftig für besonders wichtig?

Ich denke, es ist wichtig, die sozialen Probleme anzugehen: Zugang zu billigem Wohnraum in den Städten, Zugang zu Arbeitsmöglichkeiten. Daneben geht es grundsätzlich um die Frage: wie gestalten wir in Zukunft zusammen unseren politischen Nahraum, wie stärken wir das Gemeinwesen in einer Gesellschaft, die durch Migration und Heterogenität geprägt ist? Zum Gemeinwesen gehören alle die, die vor Ort zusammen leben, unabhängig davon, ob sie einen deutschen Pass haben oder einen syrischen oder einen aus Ghana. Und dann zu sagen: Was sind hier unsere lokalen Fragen? Es kann dabei um Bildung gehen, es kann um Gesundheit gehen, es kann um mehr Grünflächen im Park gehen, um Angebote für Kinder, Sprachkurse, um was auch immer. Es geht darum, das Gemeinwesen gemeinsam zu organisieren, neugierig aufeinander zu sein, gemeinsam zu entscheiden, wie wir zusammen leben wollen. Gemeinsam etwas aufzubauen schafft Vertrauen und Toleranz. Es geht darum, durch Teilhabe und Partizipation eine positive Vision des demokratischen Zusammenlebens zu vermitteln – nicht nur, aber gerade auch Flüchtlingen

Das vollständige Videogespräch unter
http://www.mitarbeit.de/edding_interview_integration2016.html

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