Rundbrief Bürgerbeteiligung II/2000
Testival in Friedrichsthal
4. Die konkreten Vorbereitungen
Beim Umsetzen der Planungen mussten die verschiedenen Rollen klar abgesprochen werden. Die Planungen wurden gemeinsam mit allen interessierten Erwachsenen vorangetrieben. Der organisatorische und finanzielle Rahmen des Prozesses wurde von Hauptamtlichen abgesichert. Wichtig waren in dieser Phase ausführliche Protokolle der verschiedenen Treffen, damit alle Akteure auf dem gleichen Informationsstand waren. Eine Organisation war Ansprechpartner, bei dem die Informationen zusammenliefen und ggf. schnell weiterverteilt werden konnten.
Ein Aktionskern engagierter Personen sichtete und bündelte die unterschiedlichen Ressourcen der Vereine und Organisationen. Hier wurde auch gemeinsam das »Drehbuch« für das Testival entwickelt und gewährleistet, dass durch kurzfristige Ausfälle einzelner Akteure das Gesamtprojekt nicht in Gefahr geriet.
Ein Konzept für die Schulung von Gruppenleitern wurde entwickelt, damit auch Personen, die noch nicht am Prozess beteiligt waren, schnell in das Projekt hineinwachsen konnten. Die konkrete Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen beim Testival lag überwiegend in den Händen der Gruppenleiter aus den Vereinen. Sie mussten projektorientiert arbeiten können, d.h. die Phasen der Erkundung, Bewertung und des Handelns in den Gruppenprozess einbringen können. Vor allem sollten sie die Fähigkeit besitzen, die Gruppe dahingehend zu animieren und zu moderieren, dass sie ihre eigenen Interessen findet, sich auf die wichtigsten Punkte konzentriert und diese anschließend selbst in die Diskussion einbringen kann. Aus diesem Treffen konnten dann auch noch einige wichtige Anregungen für das »Drehbuch« mit in die Vorbereitungsgruppe genommen werden.
5. Die Veranstaltung
Das Testival war angelegt über zwei Tage für Kinder und Jugendliche von 8–16 Jahren. Am ersten Tag ging es hinein in die Stadt um zu erkunden und festzuhalten:
- Was ist los in Friedrichsthal?
- Was gefällt uns an unserer Stadt? Was nicht?
- Was soll geändert werden?
- Was können wir gemeinsam ändern?
In kleineren, nach bestimmten Themen zusammengesetzten Gruppen wurde die Stadt anhand zuvor gemeinsam erarbeiteter »Richtlinien« unter die Lupe genommen. Im Anschluss an die Erkundungstour wurden die Ergebnisse zusammengefasst und für die Präsentation am folgenden Morgen visualisiert, z.B. in Form großer Wandplakate oder einem kleinen Theaterstück. Abends gab es dann noch Disco und Budenzauber beim Übernachten in der Schulturnhalle, und auch für Verpflegung war bestens gesorgt.
Der Sonntag startete mit einem ökumenischen Gottesdienst. Die Gruppen trafen sich anschließend noch einmal kurz für eine letzte Besprechung, und dann ging`s los. Beim Palaver wurde den verantwortlichen Politikern anschaulich klar gemacht, wo der Schuh in der Stadt drückt. Das Palaver wurde nach einem genau geplanten Setting durchgeführt. Als Gesprächsplattform wurde eine Art Arena mit Bänken und Tischen aufgebaut. Damit konnten sich alle Beteiligten direkt in die Augen sehen. Die PolitikerInnen saßen nicht erhöht, um die gleiche Ebene deutlich zu machen. Erhöht stand jeweils die Gruppe, die ihre Ergebnisse und Forderungen vortrug. Die dafür vorgesehene Bühne befand sich gegenüber den Sitzgelegenheiten der PolitikerInnen. So war klar, wer jeweils den Hauptdialog führte. Der Moderator hatte als Einziger ein Mikro und damit die Kontrolle darüber, wer reden durfte. Am Protokolltisch wurde mit einer Power-Point-Projektion ein offenes Ergebnisprotokoll geführt. Wichtig war: Beim Palaver hatten die Kinder und Jugendlichen das Sagen. Die Politiker im Podium durften antworten, wenn sie gefragt wurden. Erwachsene im Publikum hatten kein Rederecht. Für diesen schwierigen Balanceakt wurde ein Rundfunkmoderator engagiert. Er hatte als Unterstützung eine Anwältin der Kids, die Redebeiträge, die nicht direkt aus der vortragenden Gruppe kamen, in die Diskussion einbrachte. Für Auflockerung und Gaudi zwischendurch sorgte ein Mitmachzirkus.
6. Abschließende Betrachtungen
Direkte politische Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist möglich, macht Spaß und führt zu nachvollziehbaren und nachprüfbaren Ergebnissen.
PolitikerInnen können zuhören und ernsthaft und offen mit Kindern und Jugendlichen reden, wenn das Setting es zulässt. Dafür ist es wichtig, die konkrete Aktion mit den Politikern im Vorfeld durchzusprechen und ihnen ihre Rolle zu verdeutlichen.
Es gibt auch in Zeiten knapper Kassen noch kommunalpolitische Handlungs- und Gestaltungsspielräume.
Es ist leichter, Kinder für eine solche Aktion zu begeistern als Jugendliche.
Hauptamtliche und Ehrenamtliche können konstruktiv gemeinsam an einem Projekt zusammenarbeiten und gemeinsam innovative Ergebnisse erzielen.
Die Früchte des gemeinsamen Prozesses waren bei den Erwachsenen deutlich zu sehen. Sie waren hochmotiviert, mit Begeisterung bei der Sache und konnten ihre gute Stimmung auch an die Kinder weitergeben. Am Sonntag nach Abschluss des Testivals hätte man nachmittags problemlos eine Bürgerversammlung einberufen können, und die Politik hätte dann sicherlich auch eine qualifizierte Rückmeldung über den Stand der Dinge in der Stadt aus Erwachsenensicht bekommen. Aber Ziel war, den Kindern eine Bühne zu bieten und an diesem Ziel wurde diszipliniert mit Spaß und großer Kreativität gearbeitet.
Der Prozess hat nachgewirkt. Auch zum Nachtreffen mit der Politik im November waren wieder viele bereit, sich zu engagieren und mitzuarbeiten. Zielgerichtet wurde auch hier wieder mit den Kindern die Grundlage erarbeitet, damit es zu einem intensiven, kritischen und unverkrampften Austausch kommen konnte. Einige der Missstände konnten in dem halben Jahr auch schon behoben werden.
Ergebnis des Prozesses ist auch der Wunsch, zumindest auf Einzelprojekte hin, zukünftig in Sachen Kinder- und Jugendarbeit in der Stadt an einem Strang zu ziehen und den bewährten Arbeitskreis als Struktur weiter zu entwickeln.
Kontakt und Information
GWA-Freidrichsthal
Am Kolonialschacht 3
Gemeinwesenbüro Kolonieschacht
Telefon (0 68 97) 8 80 44
Weitere Informationen über das Testival können Sie einer Fachbroschüre entnehmen. Sie wird vertrieben vom Landesjugendring Saar, der die fachliche Begleitung übernommen hatte.
Bezugsadresse:
Landesjugendring Saar,
Eifelstraße 35,
D-66113 Saarbr
Telefon (06 81) 6 33 31,
Preis: 4,– € zzgl. Versandkosten.
Infos und Bestellung auch über Internet: www.landesjugendring-saar.de
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