Rundbrief Bürgerbeteiligung II/1999
Fachtagung »Mitgestalten –Mitverantworten – Selbstverwalten« (1/2)
Partizipation Älterer an der Gestaltung ihrer Wohn- und Lebensräume
Jürgen Dettbarn-Reggentin, Institut für sozialpolitische und gerontologische Studien
Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels, der in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten einen deutlichen Zuwachs an älteren und alten Menschen erwarten läßt, werden auch qualitative Veränderungen zukünftig das Leben im Alter bestimmen. Das wird den Gesundheitszustand ebenso betreffen wie Art und Umfang der Erwerbsbeteiligung oder auch die Einstellungen und Wertehaltungen: Die Menschen werden älter und sie altern auch anders, als in früheren Jahren. Hierauf machte Ministerialdirigent Eduard Tack in seinen Eröffnungsworten zu der Fachtagung aufmerksam, die das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zusammen mit der Evangelischen Akademie in Tutzing veranstaltete. Die inhaltliche Gestaltung und die Moderation oblag dem Institut für sozialpolitische und gerontologische Studien, Berlin.
Ein Element des Wandels, das zukünftig das Altern wesentlich mitbestimmen wird, liegt in dem zunehmenden Wunsch Älterer, die eigenen Lebens- und Wohnverhältnisse selbst (mit-)gestalten zu wollen. Der Begriff der Teilhabe oder auch der Partizipation stand demgemäß im Mittelpunkt dieser Fachtagung.
Der Begriff der Partizipation gestaltet sich zunächst als offen und facettenreich. Er umfaßt Elemente, die Joachim Brech vom WOHNBUND e.V. in seinem Einführungsreferat in fünf Punkten zusammenfaßte:
- »Teilhabe« oder »selbst bestimmen« stellt keine Anti-These zu »fremd bestimmen« dar. »Teilhabe« bildet keinen polarisierenden Begriff.
- »Teilhabe« ist aus der Sicht der Planer eine Methode, um die Kompetenz der Nutzerinnen und Nutzer einzubeziehen.
- »Teilhabe« kann auch als Methode angesehen werden, eine Balance zwischen öffentlichen und privaten Interessen herzustellen. Gerade die sich wandelnden Lebensverhältnisse erfordern angepaßte Methoden der Balancefindung.
- »Teilhabe« ist des weiteren eine Methode zum Ausgleich unterschiedlicher nachbarschaftlicher Interessen. Es kann nicht von außen in das Leben der Menschen hineingeplant werden.
- Dem Prozeß der Teilhabe immanent ist ein gemeinschaftskonstituierendes Element.
Damit Partizipation in den zuvor benannten Elementen auch wirksam entfaltet werden kann, ist es notwendig, daß die beteiligten Akteure aus Politik, Verwaltung, Unternehmen und Betroffenen sich gegenseitig als Teil dieses Prozesses anerkennen. Des weiteren ist es erforderlich, den Teilhabeprozeß so früh wie möglich zu beginnen, das heißt, möglichst bereits dann, wenn noch kein Bauleitplan vorliegt, sondern der »bloße Acker«.
Hier wird bereits deutlich, daß der Begriff der Partizipation ein Leitziel der Planung darstellt. Leitziele, die den Planungsprozess »Wohnen im Alter« steuern sollen, müssen auf Alternsleitbilder treffen, die hierauf beziehbar sind. In dem zweiten Eingangsreferat suchte Jürgen Dettbarn-Reggentin den Schnittpunkt beider Bereiche in der historischen Herleitung der Altersleitbilder aus den vergangenen 40 bis 50 Jahren vorzustellen. Die sich in diesem Zeitraum verschobene Vorstellung vom Alter als eine zu betreuende und zu beschützende Lebensphase zu den heute sich verbreitenden Altersbildern vom eigenverantwortlichen, sozial integrierten Leben bedeutet, auf das Wohnen bezogen, die Kontrolle über den eigenen Lebensbereich selbst ausüben zu können.
Es haben sich wesentlich zwei Orientierungen vom Wohnen im Alter herausgebildet. Das ist erstens das Normalisierungsprinzip (es ist normal so zu wohnen, wie andere Altersgruppen auch) und zweitens das Partizipationsprinzip (die Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner an der Planung und Kontrolle ihrer Wohn- und Lebensräume).
Die Teilhabemöglichkeiten sind in diesen beiden Orientierungen sehr unterschiedlich ausgeprägt und reichen von Stellvertretermodellen bis zu direkten Teilhabekonzepten.
Ein mögliches Stellvertretermodell, das von Mitgliedsverbänden der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) vorgelegt wurde, stellt die Entwicklung eines Qualitätssiegels für »Seniorengerechtes Leben und Wohnen« dar. Wie Dr. Erika Neubauer auf dieser Veranstaltung berichtete, sollen die Angebote des Betreuten Wohnens und der Seniorenheime auf »Kundenfreundlichkeit« überprüft werden. In einem mehrgliedrigen Verfahren (Bausteinen) werden Anbieter befragt und Häuser bzw. Heime begutachtet. In das Verfahren sollen auch die Bewohnerinnen und Bewohner, Betreuungspersonal und soziale Dienste einbezogen werden.
Weitere Artikel in diesem Rundbrief:
Theorie und Praxis
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Rückblick auf Veranstaltungen
- Jürgen Dettbarn-Reggentin
Fachtagung »Mitgestalten – Mitverantworten – Selbstverwalten« - Sommerakademie zum Bürgerschaftlichen Engagement
- Henrike Jütting
Europäischer Freiwilligendienst für Jugendliche – Statusfragen und rechtspolitische Probleme


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