Projekt des Monats (02/2019)

»Lebensrealität Integration« – Geflüchtete und Deutsche erzählen

Bei diesem Filmprojekt zur Flüchtlingssituation in Deutschland trafen junge Geflüchtete und Deutsche aus dem Landkreis Potsdam-Mittelmark aufeinander. Im Projekt wurden die unterschiedlichen Lebensrealitäten der teilweise in Übergangswohnheimen, teilweise in eigenen Wohnungen lebenden Geflücheten und der deutschen Projektteilnehmer/innen sowie die verschiedenen Blickwinkel auf das Thema »Flucht & Asyl« beleuchtet. Ziel des Projektes war es, ein Gemeinschaftsgefühl unter den Beteiligten zu erzeugen und nachhaltige Kontakte herzustellen. In regelmäßigen Treffen erarbeitete die Gruppe in einem partizipativen Prozess das Konzept für einen dokumentarischen Film. Es folgten der Dreh, Interviews u.a. mit zivilgesellschaftlichen oder politischen Akteuren und die Postproduktion. Abschließend soll der rund 2-stündige Film zu mehreren Anlässen öffentlich aufgeführt und über Online-Kanäle verbreitet werden.

Die Themen Migration, Flucht und Integration werden spätestens seit dem Sommer 2015 anhaltend öffentlich debattiert. Unterstützung einer »Willkommenskultur« ist dabei in Teilen der deutschen Gesellschaft ebenso vorzufinden wie Unmut gegenüber Zugewanderten. Sowohl auf Seiten der Einheimischen als auch der Ankommenden existieren Ängste und Unwissen in Bezug auf das Fremde. Im brandenburgischen Bad Belzig schuf der Verein Initiative Berlin-Brandenburg zur Integration Schutzsuchender (IBBIS) mit dem Filmprojekt »Lebensrealität Integration« einen Raum für das gegenseitige Kennenlernen von Geflüchteten und Einheimischen. Das Ziel: Die gemeinsame Arbeit an einem filmischen Zeitdokument über die Lebensumstände der Beteiligten sollte gegenseitiges Verständnis fördern.

Eine vielfältige Gruppe

Mit Anzeigen in Supermärkten und Übergangswohnheimen, an Gemeindebrettern und Bushaltestellen, über lokale Newsletter und nicht zuletzt über die persönliche Ansprache warb IBBIS Interessierte. Zu den deutschen Teilnehmer/innen gehörten Personen aus unterschiedlichen Lebenslagen: Handwerker/innen und Akademiker/innen aus der Kleinstadt und Menschen, die alternative Lebensmodelle verfolgen, waren genauso vertreten wie der für die Region typische »Berlin-Pendler«.

Zu den geflüchteten Teilnehmenden gehörten vorwiegend Männer zwischen 18 und 40 Jahren, die aus dem Iran, Syrien, Afghanistan, Eritrea und Pakistan geflüchtet waren und Pashtu, Dari, Farsi, Arabisch, Tigrinya und Punjabi sprachen. Einige von ihnen haben studiert und kommen aus großen Städten, andere sind Analphabeten und kommen vom Land. Bei einigen war der Aufenthaltsstatus in Deutschland bereits geklärt. Sie lebten in ihren eigenen Wohnungen, hatten bereits eine Ausbildung oder sogar einen Job und erhielten Deutschunterricht. Andere waren erst seit Kurzem in Deutschland und warteten auf die Entscheidung ihres Asylgesuchs. Sie lebten in Übergangswohnheimen und durften noch nicht arbeiten. Diese so unterschiedlichen Menschen zusammenzubringen, war eines der zentralen Ziele von »Lebensrealität Integration«.

Ein geschützter Raum

Um die geplanten fünfzig Projekttermine im wöchentlichen Rythmus durchzuführen, mietete IBBIS einen Mehrzweckraum im ländlich gelegenen Bad Belzig an. Aber auch Veranstaltungen und Tagungen  z.B. von selbstverwalteten Geflüchteteninitativen wurden mit den Teilnehmer/innen besucht. So konnten zudem Kontakte zu den in der Region aktiven Akteuren der Geflüchtetenhilfe und -selbstorganisation geknüpft und  intensiviert werden.

Zunächst wurden Gruppenregeln festgelegt, schauspielerische Vorbereitungen getroffen und Übungen durchgeführt, um die Gruppenidentität und das gegenseitige Vertrauen zu stärken. Gemeinsames Kochen und Besuche sowohl in den Übergangswohnheimen als auch in den Wohnungen der Teilnehmer/innen förderten zusätzlich den Zusammenhalt, denn die verschiedenen Lebenssituationen der Einzelnen wurden den Beteiligten dabei sehr plastisch vor Augen geführt. Eine Herausforderung im Projekt stellte die oft lückenhafte Infrastruktur im ländlichen Raum dar. Der ursprüngliche Ansatz »die Teilnehmer/innen kommen zum Projekt« musste daher regelmäßig um den Ansatz »das Projekt kommt zu den Teilnehmer/innen« erweitert werden. Den Projektverantwortlichen gelang es mit viel Einsatz, eine von Offenheit geprägte Atmosphäre zu schaffen, in der Vorurteile überwunden und Kontaktängste im Gespräch abgebaut werden konnten. Aufgrund von Fluktuationen innerhalb der Teilnehmerschaft – z.B. wegen veränderter Lebensumstände – lag der Fokus durchgehend auf dem Erhalt einer positiven Gruppendynamik in einem geschützten Raum.

Mit Rollenspielen zum Drehbuch

Bei der gemeinsamen Filmarbeit wuchs die Gruppe weiter zusammen: Brainstormings, Theaterübungen und Einführungen zu Film- und Videotechniken standen auf dem Programm. Zur methodischen Annäherung an das Erzählen vor und mit der Kamera wurden narrative Interviews mit den Teilnehmer/innen durchgeführt. Die Inhalte wurden zunächst nicht vorstrukturiert, sondern verschiedene unbekannte Aspekte zu Tage gefördert. Die Gruppe näherte sich sensiblen Themen mit Rollenspielen und kleine Theaterszenen. So wurden mit wechselnden Rollenbesetzungen Erstaufnahme, Asylantragsstellung, Situationen mit Alltagsrassismus oder das Zusammenleben in einer Kleinstadt mit wenig »Migrationserfahrung« nachgespielt. Immer wieder tauschten Deutsche und Geflüchtete die Rollen. So bekamen beide Seiten einen Einblick darin, wie sich die jeweils andere fühlt.

Gemeinsam entwickelte die Gruppe ein inhaltliches Konzept für den Film. Zu den wichtigsten Themen, die angesprochen werden sollten, gehörten der Alltag von Geflüchteten, der Asylprozess, Fluchtgeschichten und die Sichtweisen von Deutschen auf Zuwanderung in ihrer Region. Die praktische Umsetzung von einzelnen Szenen war zunächst nicht relevant. So waren Fahrten mit dem öffentlichen Nahverkehr beispielsweise ein stetig wiederkehrendes Element in den Berichten der Geflüchteten, die aus ihrer ländlichen Unterbringung Anschluss an urbane Räume suchen. Das Filmen auf dem Privatgelände der Deutschen Bahn AG ist dagegen voraussetzungsreich. Wichtiger als die tatsächliche Umsetzung einer spezifischen Szene war daher die Verständigung über die Bedeutung dieser Fahrten für die geflüchteten Teilnehmer/innen.

Für die Dreharbeiten wurden weitere lnterviewpartner/innen angesprochen, Termine vereinbart und Drehorte ausgewählt. Die Gruppe stieß erfreulicherweise auf eine hohe Bereitschaft zur Mitwirkung am Filmprojekt. Gemeinsam produzierte die Gruppe diverse Szenen: dazu zählten, neben schauspielerischen Sequenzen, verschiedene Interviews mit Deutschen, darunter Engagierte in der Willkommensarbeit, Sozialarbeiter/innen, Heimleiter/innen, Politiker/innen, Lehrer/innen von Willkommensklassen, Arbeitskolleg/innen geflüchteter Teilnehmer/innen, Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes und viele mehr. Außerdem wurden Geflüchtete zu ihrer Lebenssituation interviewt. Zusammen mit Außen-, Innen- und Landschaftsaufnahmen entstanden so über 60 Stunden Filmmaterial.

Mehrfach wurde über Persönlichkeitsrechte sowie Autorenschaften diskutiert. Einige Geflüchtete hatten Sorge, vor der Kamera aufzutreten, weil sie im Asylprozess oder bei Abschiebungen negative Konsequenzen fürchteten. Schließlich war auch das bereits gefilmte schauspielerische Material nur eingeschränkt nutzbar, da Szenen mit vielen Mitwirkenden unbrauchbar wurden, wenn eine Person ihr Einverständnis zurücknahm. IBBIS sicherte grundsätzlich allen lnterviewten ein Anrecht auf Einsichtnahme vor Veröffentlichung des Films zu.

Ausblick

Eine öffentliche Vorführung des fertigen Films steht noch aus. Diese soll in Bad Belzig in Kombination mit der Eröffnung einer Ausstellung von Bildern aus einem anderen Projekt erfolgen. Die Präsentation wird voraussichtlich in der Kirche des Ortes stattfinden, die schon ähnlichen Vorhaben einen Platz geboten hat. An die Vorführung des Films schließt sich eine Diskussion zwischen Projektteilnehmer/innen und Gästen an. Je nach finanzieller Ausstattung ist auch die Anmietung des Kinos in Bad Belzig für eine Aufführung geplant. Danach wird der Film auf dem Youtube-Kanal und der Webseite des Vereins zu sehen sein.

Das Projekt leistete einen Beitrag zur Integration in einer Region, in der bisher noch keine vergleichbaren Projekte angesiedelt waren. Die Sammlung vielfältiger Statements und Stimmungen ließ ein gut recherchiertes Bild der Region Fläming entstehen, das Aufschluss gibt über das Leben von Geflüchteten mit Deutschen und umgekehrt, über Wünsche und Befindlichkeiten, Ängste und Ansichten. Die Teilnehmer/innen wurden als Multiplikator/innen geschult. Im öffentlichen und im privaten Kontext können sie nun reflektiert über Migration und Integration sprechen. IBBIS bleibt auch in Zukunft im Raum Fläming aktiv und steht weiterhin mit den Projektteilnehmer/innen in regelmäßigem Kontakt.

Kontakt und weitere Informationen

IBBIS - Initiative Berlin-Brandenburg zur
Integration Schutzsuchender
c/o Alex Konrad, Skalitzer Str. 140, 10999 Berlin
Ansprechperson: Daniel Smith
Web: www.ibbis.de
Mail: kontakt(at)ibbis.de

Ansprechpartner für das Programm »Werkstatt Vielfalt«

Björn Götz-Lappe & Timo Jaster
Stiftung Mitarbeit
Ellerstraße 67
53119 Bonn
Tel. (02 28) 6 04 24-12/-17
Fax. (02 28) 6 04 24-22
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