Projekt des Monats (02/2020)

»Mein Gott/Dein Gott« – Ein Filmprojekt über religiöse Vielfalt in Berlin

In diesem interreligiösen Begegnungsprojekt trafen Grundschüler/innen in Berlin-Mitte auf Mitglieder verschiedener Glaubensgemeinschaften. Ziel war ein Perspektivwechsel und die Auseinandersetzung mit Religiösität und Glauben in ihren verschiedenen Facetten. In den Schulklassen wurde ein erster Austausch zu den unterschiedlichen Religionen angestoßen. Parallel erlernten die Kinder den Umgang mit der Videokamera. Anschließend besuchten sie jüdische, muslimische, protestantische, hinduistische und buddhistische Glaubensgemeinschaften und führten Interviews mit den jeweiligen Vertreter/innen. Die Schüler/innen dokumentierten ihre Eindrücke und Rechercheergebnisse mit filmischen und künstlerischen Methoden. Der entstandene Dokumentarfilm wurde abschließend öffentlich aufgeführt. »Mein Gott/Dein Gott« förderte den interreligiösen Dialog, hat religiöse Vielfalt erfahrbar gemacht und thematisierte die Parallelität mehrerer ethisch-religiöser Weltanschauungen.

Woran glauben die Berlinerinnen und Berliner? Und was bedeutet Religionsfreiheit? Über ein Jahr hinweg haben Schüler/innen der Anne-Frank-Grundschule in Berlin-Mitte unterschiedliche religiöse Gemeinden besucht, um herauszufinden, wie Glaubensfreiheit in der Bundeshauptstadt gelebt wird. Herausgekommen ist »Mein Gott/Dein Gott« – ein Dokumentarfilm, in dem die Kinder das Publikum an ihren Begegnungen und Gedanken rund um Religion und Glaubensfragen teilhaben lassen. Sie geben Einblicke in die kulturelle Vielfalt Berlins, unterschiedliche Konfessionen und weltanschauliche Positionen.

Religionsvielfalt in der Nachbarschaft

In Berlin gehen Kinder aus vielen unterschiedlichen kulturellen Milieus gemeinsam zur Schule: Dabei kommen nicht nur verschiedene Sprachen, Alltagskulturen und Familiengeschichten zusammen, sondern auch unterschiedliche religiöse Überzeugungen. Das Ziel des Projektes »Mein Gott/Dein Gott« war es, den teilnehmenden Schülerinnen und Schüler religiöse Vielfalt in ihrer Nachbarschaft sichtbar zu machen. Die Kinder sollten die Möglichkeit erhalten, den Alltag der Glaubensgemeinschaften in ihrem Umfeld kennenzulernen und diese Form der gesellschaftlichen Diversität wertzuschätzen.

Rahmenbedingungen schaffen

Da das Projekt als Kooperation zwischen zwei Künstlerinnen und einer Berliner Grundschule umgesetzt wurde, war die Kommunikation der Projektleitung mit der Schulleitung und den Lehrkräften zentral. So galt es z.B. zu klären, welche Klassen mitmachen und welche Schulstunden für die Projekttermine und Ausflüge der Gruppe zur Verfügung stehen. Der »Multi-Kulti-Unterricht« der Grundschule bildete den idealen Anknüpfungspunkt für das Projekt an den Lehrplan und die Künstlerinnen arbeiteten eng mit der für dieses Fach zuständigen Lehrerin zusammen. Diese arbeitete im pädagogischen Arbeitskreis des Berliner »House of One« mit. Die interreligiöse Initiative zur Errichtung einer Synagoge, einer Moschee und eine christlichen Kirche unter einem Dach am Petriplatz im Bezirk Mitte war Kooperationspartner von »Mein Gott/Dein Gott«.

Damit waren gute Voraussetzungen geschaffen, um  Ausflüge und Workshops sowohl in den Vormittagsunterricht, als auch in die Wahlpflichtkurse und die Projektwochen der Schule zu legen und Schüler/innen unterschiedlicher Jahrgangsstufen eine Teilhabe am Projekt zu ermöglichen.

Andere Perspektiven einnehmen

Die Methode des Filmemachens – insbesondere des Dokumentarfilms  – fordere die Beteiligten zum Perspektivwechsel auf:  So ermöglicht das Medium, verschiedene Anschauungen, Lebensentwürfe und Wahrheiten nebeneinander stehen zu lassen. Auch eine collagenhafte Zusammenstellung verschiedener Darstellungsweisen und die assoziative Verflechtung von Zusammenhängen sind Stilmittel, mit denen ein Dokumentarfilm arbeiten kann. Damit bestand methodisch die Möglichkeit, unterschiedliche Beiträge zu einem gemeinsamen filmischen Kunstwerk zu vereinen und den Schüler/innen eine Plattform für ihre Zusammenarbeit zu bieten.

Filmszenen zu drehen, erfordert obendrein die Bereitschaft, die eigene Perspektive aufzugeben und neue Perspektiven einzunehmen. Für die Recherche traten die Schüler/innen daher in Kontakt mit Gemeinden unterschiedlicher Glaubensrichtungen in ihrem Stadtteil. Auch der Atheismus als Weltanschauung und der interreligiöse Dialog wurden dabei von den Kindern untersucht.

Gesprächsplattform in den Klassen

Die Erfahrungen, Gedanken und Rechercheergebnisse der Schüler/innen bildeten die Grundlage für den Dokumentarfilm. Durch die klassenübergreifende Arbeit an einem gemeinsamen Film über die Religionsvielfalt in der Stadt wurde ein Kommunikationsraum erzeugt, in dem nicht nur über Religionen gesprochen, sondern auch Wissen gesammelt und Fragen gestellt werden durften.

Die Vorbereitungen für den Filmbeitrag setzten beim Erfahrungshorizont der Kinder an: Was wisst ihr bereits über Religionen und ihre Festtage, ihre Glaubensorte und heiligen Schriften? Welche Fragen würdet ihr gerne mal einem gläubigen Menschen oder einem Geistlichen stellen? Welche Verhaltensregeln sind beim Besuch einer religiösen Stätte zu beachten und warum? In den Gesprächskreisen der beteiligten Klassen war jede Frage erlaubt. Dort wurden – neben dem technischen Umgang mit der Kamera – auch bereits erste Filmbeiträge besprochen und dokumentiert.

Besuche und Interviews in den Gemeinden

Im nächsten Schritt erkundeten die jungen »Feldforscher/innen« unterschiedliche religiöse Orte in ihrem Umfeld. Den Anfang machte ein Besuch in der Sukkat Shalom Synagoge in Berlin-Charlottenburg. Dort beantwortete die Kantorin Fragen der Gruppe zum Judentum und die Kinder konnten sich eine der handgeschriebenen Thorarollen aus der Nähe anschauen.

Der nächste Besuch führte die Schüler/innen in die Omar Ibn Khattab Moschee in Kreuzberg. Dort erfuhren sie, dass die Moschee nicht nur ein Ort des Gebetes und der Religiösität ist, sondern auch ein gesellschaftlicher Ort der Begegnung. So befinden sich in direkter Nachbarschaft nicht nur ein türkischer Kindergarten, sondern auch ein Buchladen, eine Hausaufgabenhilfe und ein Café. Im Sri Ganesha Hindu Tempel in Neukölln erlebten die Schüler/innen, wie der Brahmanenpriester ein Ritual durchführte. Sie lernten die unterschiedlichen Götter des Hinduismus kennen, deren Statuen in dem Tempel aufgestellt sind, und streuten gemeinsam mit einer Gläubigen ein Rangoli – ein Muster aus gefärbtem Pulver – auf den Tempelboden. Darüber hinaus standen Besuche in der evangelischen St. Marienkirche und dem buddhistischen Fo-Guang-Shan-Tempel auf dem Programm. Ein Vertreter des Humanistischen Verbandes Berlin beantwortete schließlich die Fragen der Schüler/innen zum Atheismus.

Nach ihren Ausflügen sichteten die Schüler/innen Ausschnitte des selbstgefilmten Materials. Weil beim klassenübergreifenden Arbeiten nicht alle Kinder an sämtlichen Ausflügen teilnehmen konnten, bot dies allen die Gelegenheit, die Ergebnisse des jeweiligen Ausflugs zu sehen. Aus den Gesprächen der Kinder – auch im Rahmen dieser Nachbesprechungen – entstanden Tonspuren für das gesammelte Bildmaterial.

Premiere, Resonanz & Perspektiven

Die Uraufführung des Dokumentarfilms fand schließlich im Haus der Kulturen der Welt in Berlin-Mitte statt. Die Projektteilnehmenden stellten ihr Werk dabei selbst vor und beantworteten im Anschluss Fragen des interessierten Publikums. Für eine weitere Aufführung des Films wurden die jungen Religionsforscher/innen zur Jahrestagung des Berliner Forums der Weltreligionen eingeladen.

Schüler/innen, Lehrer/innen und die beteiligten Glaubensgemeinden zogen ein durchweg positives Fazit. »Mein Gott/Dein Gott« hat gezeigt: Der Bedarf nach einer konfessionenübergreifenden Reflexion von Religiosität ist groß. Die Projektverantwortlichen wollen daher die gebildeten Netzwerke ausbauen und das Thema Religionsvielfalt weiter bespielen. Perspektivisch soll das Projektthema auch an die unterschiedlichen zeitlichen und räumlichen Bedingungen verschiedener Schulformen und Bildungsträger angepasst werden, um die Projektidee langfristig für möglichst viele Schulen und Jugendeinrichtungen nutzbar zu machen. So gab es zwischenzeitlich Workshops an einer Berliner Oberschule und der Universität in Erfurt. Da die Schulleitung der Anne-Frank-Grundschule eine Verstetigung des Projekts an der Schule wünscht, sind bereits Ideen für ein Nachfolgeprojekt entstanden, bei dem klassenübergreifend ein Trickfilm entstehen soll.

Auch in den Medien fand »Mein Gott/Dein Gott« starke Resonanz: Über den Besuch der Berliner Grundschüler im buddhistischen Fo-Guang-Shan-Tempel wurde sogar ein Beitrag im Taiwanesischen Fernsehen ausgestrahlt. Ein Gespräch mit einigen jungen Teilnehmer/innen über ihre Arbeit am Dokumentarfilm wurde zudem im Kinderprogramm des Deutschland Radio Kultur veröffentlicht.

Oft waren die ganz grundsätzlichen Fragen der Kinder für die Vertreter/innen der Glaubensgemeinschaften besonders interessant. Ihnen allen ist gelungen, den Schüler/innen ihre Religion plastisch und authentisch näherzubringen – z.B. mithilfe von religiösen Objekten, die sonst selten aus der Nähe betrachtet werden dürfen. Auf die Kinder haben die Besuche einen bleibenden Eindruck gemacht. »Mein Gott/Dein Gott« hat damit zum offenem Diskurs über religiöse und kulturelle Fragen in einem urbanen Umfeld beigetragen.

Kontakt und weitere Informationen

Gunilla Jähnichen & Tine Steen
Mail:    gunillaj(at)gmx.de / mail(at)tinesteen.net
Internet: www.meingottdeingott.org

Anne-Frank-Grundschule (01G15)
Paulstr. 20b, 10557 Berlin
Tel.: (0 30) 20 62 91 80

Ansprechpartner für das Programm »Werkstatt Vielfalt«

Björn Götz-Lappe & Timo Jaster
Stiftung Mitarbeit
Ellerstraße 67
53119 Bonn
Tel. (02 28) 6 04 24-12/-17
Fax. (02 28) 6 04 24-22
E-Mail:goetz-lappe(at)mitarbeit.de
jaster(at)mitarbeit.de