Projekt des Monats (01/2019)

»Buer in Bildern« – Ein Bildband aus der Sicht junger Menschen

Jugendliche mit unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hintergründen setzten sich in diesem Medienprojekt mit ihrem Wohnort Melle-Buer und mit ihren Lebensgeschichten auseinander. Sie identifizierten Orte, die für sie eine Bedeutung haben, sammelten ihre Gedanken dazu, reflektieren ihren persönlichen Bezug, ihre persönliche Geschichte und die Bedeutung der jeweiligen Orte für andere. Bei Erkundungstouren in kleinen Gruppen im Stadtteil entstanden Fotos und Texte zu den Lieblingsplätzen der Jugendlichen. Die Ergebnisse bildeten die Grundlage für einen Bildband, der die Perspektive der Jugendlichen auf Ihren Wohnort in vielfältigen persönlichen Statements wiedergibt. Das Projekt regte einen Dialog zwischen jungen Menschen vielfältiger Herkunft über ihren (neuen) Wohnort an und hat jugendliche Perspektiven auf den Ort und die Region für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht.

Carinas Lieblingsplatz in ihrem Wohnort Buer ist der zentral gelegene Busbahnhof. Dort trifft sich die Vierzehnjährige oft mit ihren Freunden, unterhält sich mit ihnen über Schule, Alltag und über alles, was so los ist. Daniel und Jannik verbringen ihre Freizeit hingegen gerne im Wald, wo sie den Mountainbike-Pfad für Schussfahrten, Tricks und Sprünge nutzen. Die fünfzehnjährige Betül wiederum schätzt die lokale Moschee vor allem als einen Ort der Einkehr und Ruhe, mit dem sie aber auch amüsante Erlebnisse mit ihren Mitschüler/innen verbindet.

Welche Orte junge Menschen in ihrem Heimatort besonders mögen, wo sie sich gerne aufhalten und welche Bedeutung diese Orte für sie haben, war Thema des Medienprojektes »Buer in Bildern«. Der Stadtteil Buer in der niedersächsischen Gemeinde Melle hat ca. 5000 Einwohner/innen und ist Heimat für junge Menschen mit vielfältigen Interessen, sozialen Hintergründen und Herkünften. Einige sind dort geboren und aufgewachsen, andere sind zugezogen, manche haben ausländische Wurzeln, wiederum andere verbringen nur eine Etappe ihres Lebens in Buer. Sie alle haben einen persönlichen Blickwinkel auf Melle-Buer und unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse..

Entstanden ist ein facettenreicher Bildband mit Beiträgen junger Menschen mit unterschiedlichen Lebenshintergründen. Alle Beteiligten zeigen darin eine ganz bestimmte Facette ihres Lebensortes und nehmen die Leser/innen mit auf eine abwechslungsreiche Reise durch Buer. Mit Worten, Bildern und ihrem persönlichen Stil illustrieren die jungen Bueraner/innen ihre Ansichten und teilen ihre Gedanken über ihre Lieblingsorte. Oft geht es dabei um Treffpunkte und Begegnungsorte, aber auch um Plätze, an die man sich zurückziehen kann, um zur Ruhe zu kommen.

Zugänge zu interessierten Jugendlichen nutzen

Die beteiligten Jugendlichen wurden über Kontakte zum »Jugendwagon Buer« für das Projekt geworben. Der Jugendwagon ist bei der Zielgruppe als Standort der Offenen Kinder- und Jugendarbeit bekannt. Seit 2003 werden zwei stillgelegte, restaurierte und eingerichtete Eisenbahnwagons als Treffpunkt genutzt. Bei der Akquise der Teilnehmer/innen ergaben sich mehrere Zugänge: Manche Jugendliche waren in dort stattfindende Projekte und Angebote eingebunden. Darüber hinaus konnte eine bestehende Kooperation mit der Oberschule Lindenschule Buer genutzt werden, um Schülerinnen und Schüler anzusprechen. Bei der Suche nach interessierten Jugendlichen zeigte sich aber auch, dass manche keine Freizeit für das Projekt erübrigen konnten. Andere hatten Bedenken, im Rahmen eines Bildbandes mit persönlichen Ansichten in die Öffentlicheit zu treten.

Orte benennen – Gedanken formulieren

Ziel war es, junge Menschen in die Lage zu versetzen, einerseits ihren Lieblingsort zu dokumentieren, andererseits aber auch ihr Leben in Buer bzw. ihre Lebensgeschichte zu reflektieren. Dazu bestimmten sie zunächst Orte in Buer und Umgebung, die für sie eine besondere Bedeutung haben. In Gesprächen formulierten und ordneten die Jugendlichen dann ihre Gedanken zu den gewählten Plätzen und reflektierten dabei ihren persönlichen Bezug, ihre Geschichte und die konkrete Bedeutung des jeweiligen Ortes – für sich und andere Menschen. In kleinen Gruppen machten sie sich gemeinsam auf den Weg, stellten sich gegenseitig ihre Lieblingsplätze vor und erzählten einander darüber. Die Berichte und Ansichten der Jugendlichen bildeten die Grundlage für die Textpassagen, die im Bildband verwendet werden sollten. Mit Unterstützung der Projektleitung wurden die Gedanken gemeinsam ausformuliert und im Anschluss daran zu aussagekräftigen Statements für das Buch zusammengestellt.

Zuhören, Worte finden, Motive suchen und fotografieren, sich selbst in Beziehung zum Lebensort setzen, aber auch die Wahrnehmung anderer erfahren, sich damit auseinandersetzen und darüber reflektieren: Alle diese Arbeitsschritte konnten mit den beteiligten Jugendlichen umgesetzt werden – allerdings mit einem deutlich erhöhten Zeitaufwand als zuvor erwartet. Im Projektverlauf wurde vielen der jungen Teilnehmer/innen erst klar, dass ihre Beiträge nicht nur spontane Ideen oder Statements waren, sondern durch die geplante Veröffentlichung als Buch einen bleibenden und auch ernsthafteren Charakter bekamen. Den daraus resultierenden Überarbeitungsprozess empfanden die Beteiligten durchaus als bereichernd, da die Jugendlichen selbst plötzlich mit deutlich mehr Sorgfalt überlegten, wie sie ihre Beiträge für den Bildband gestalten wollten.

Die Jugendlichen tauschten sich über ihre ausgewählten Orte im Umfeld ausführlich aus, sie hörten einander zu und gewannen so Einblicke in die individuellen Sicht- und Lebensweisen anderer. Sie gelangten aber durch den Austausch auch zu einer gefestigten Vorstellung ihres eigenen Beitrages. Vor allem gelang es den neu nach Buer zugezogenen Kindern und Jugendlichen, einen ganz unvoreingenommenen Blick auf den Ort zu werfen, den andere schon seit ihrer Geburt ihren Heimatort nennen. Dies ergab neue und nicht selten ganz überraschende Blicke auf Buer.

Auch die Schilderungen der Jugendlichen mit Fluchterfahrung beeindruckten viele, da diese sehr viel Wertschätzung für Institutionen und Einrichtungen in Buer zum Ausdruck brachten, die anderen nicht nur selbstverständlich, sondern manchmal sogar eher negativ besetzt erschienen. Hierzu gehörten z.B. die Schule mit ihren vielfältigen Angeboten an Unterrichtsfächern, AGs und Projekten, das Engagement von Lehrer/innen oder die nahezu täglichen Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche in der Region.

Buer ins Bild setzen

Die Texte der Jugendlichen sollten mit zahlreichen Fotos untermalt werden. Bei der Zusammenstellung konnten sie selbst entscheiden, welche Bilder zu ihren Schilderungen am besten passten, wo Akzente gesetzt werden sollten und auch, ob sie selbst auf den Fotos erscheinen wollten. Diese individuellen Möglichkeiten der Mitbestimmung trugen entscheidend dazu bei, dass die Jugendlichen sich mit ihren Werken identifizierten und diese auch mit Stolz veröffentlichen wollten.

Motivideen zu entwickeln und sich diese fotografisch zu erarbeiten, fiel den Jugendlichen anfangs durchaus schwer. Hier war die Unterstützung und individuelle Begleitung durch die Projektleitung notwendig. Denn den jungen Fotograf/innen wurde schnell klar, dass es nicht unbedingt um Schnappschüsse oder spontane Selfies ging, sondern um Bilder, die vielen Betrachter/innen nachhaltig ihren individuellen Blickwinkel vermitteln sollten.

Für die ersten Fotokurse und Workshops stellte die Oberschule in Buer ihre Computerräume kostenlos zur Verfügung. Bei der Wahl eines Layouts für den Bildband erhielt die Gruppe Unterstützung durch einen Mediengestalter – für die jungen Teilnehmer/innen eine spannende Erfahrung, da viele zum ersten Mal bewusst die Wirkung von Bildern und Schriftsatz kennenlernten.

Stolz präsentierten die Jugendlichen in den Räumen der Oberschule Buer mit einer Präsentation ihre Beiträge und den fertigen Bildband den geladenen Gästen. Diese kamen zum Teil aus dem privaten Umfeld der Beteiligten, aber auch Vertreter/innen aus pädagogischen Einrichtungen, Vereinen der Jugendarbeit, der Schule, aus Politik, Verwaltung und Medien waren anwesend. »Buer in Bildern« gab Kindern und Jugendlichen eine Stimme und bot ihnen Gelegenheit, sich und ihre Ansichten zu ihrem Lebensort einzubringen. Die Publikation liegt für Interessierte an verschieden Stellen in Buer aus – u.a. in der Orts- und Stadtbibliothek, dem Heimatverein, dem Familienzentrum und dem Bürgerbüro.

Kontakt und weitere Informationen

Netzwerk Jugendhaus Buer e.V.
Ursula Thöle-Ehlhardt
Meißheideweg 15
49328 Melle
Web: www.juwa-buer.de
Mail: jugendwagon.buer(at)web.de 

Ansprechpartner für das Programm »Werkstatt Vielfalt«

Björn Götz-Lappe & Timo Jaster
Stiftung Mitarbeit
Ellerstraße 67
53119 Bonn
Tel. (02 28) 6 04 24-12/-17
Fax. (02 28) 6 04 24-22
E-Mail:goetz-lappe(at)mitarbeit.de
jaster(at)mitarbeit.de