Projekt des Monats (01/2020)

»Meine Stadt! Meine Geschichte!« – Auf Kiezerkundung in Berlin-Kreuzberg

In diesem Projekt setzten sich junge Bewohner/innen der Werner-Düttmann-Siedlung mit der Geschichte ihres Wohnortes auseinander. Ziel war es, den Teilnehmenden eine neue Sicht auf ihre unmittelbare Nachbarschaft in Berlin-Kreuzberg und einen neuen Zugang zu ihren Nachbar/innen zu ermöglichen. Im Fokus standen dabei Migrationsgeschichten, den die Projektbeteiligten in Gesprächen und Interviews mit Familienangehörigen und Anwohner/innen nachgingen. Ein begleitender Workshop zu historischen und politischen Themen vermittelte den Jugendlichen hierzu Hintergrundinformationen. Im Zuge einer künstlerisch kreativen Auseinandersetzung mit der Siedlung, ihrer Geschichte und ihren Menschen entstanden Ergebnisse, die der Stadtöffentlichkeit und anderen Jugendgruppen in einer App-gestützten Stadtrallye, einer Radiosendung und einer Ausstellung zugänglich gemacht wurden.

In den 1980er Jahren im Bezirk Kreuzberg als abgeschlossene Siedlung des sozialen Wohnungsbaus errichtet, bildet die Werner-Düttmann-Siedlung – von den Berliner/innen liebevoll »Dütti« genannt – ein Karree, das im Norden an die Urbanstraße, im Osten an die Jahnstraße, im Süden an die Hasenheide und im Westen an die Graefestraße grenzt. Hier machten sich rund zwanzig Jugendliche und junge Erwachsene regelmäßig in Workshops daran, ihr Umfeld im Zuge multimedialer Erinnerungsarbeit zu erkunden. Die Teilnehmer/innen beschäftigten sich mit der Geschichte der Siedlung, ihren Bewohner/innen und – da es sich um einen Wohnort vieler Menschen aus Einwandererfamilien handelt – auch mit dem Thema »Ankommen«. Die Zusammenführung der Herkunftsgeschichten mit der Geschichte der Siedlung sollte dazu führen, dass sich die Ortsvorstellung der dort lebenden Menschen verändert und sie ihre Siedlung als »offen« und zugänglich begreifen.

Viele der beteiligten Jugendlichen wurden über die in der Urbanstraße ansässige Jugendfreizeiteinrichtung »Drehpunkt« für das Projekt gewonnen. Hier sind die Peer-Teamer*innen der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA e.V.), die bereits eine ein- bis zweijährige Ausbildung beim Verein durchlaufen und sich unter anderem mit den Themen Migrationsgesellschaft, antimuslimischen Rassismus, Antisemitismus, Gender und Radikalisierung beschäftigt haben, regelmäßig mit Workshop-angeboten im Bereich Radikalisierungsprävention präsent.

Teilnehmer/innen

Zu zwei angesetzten Starttreffen kamen zunächst keine Jugendlichen. Dies lag zum einen daran, dass das Jugendzentrum sich in dieser Zeit im Umbau befand und die in Container ausgelagerten Räume schlecht angenommen wurden. Andererseits hatten einige Jugendliche in dieser Zeit nach Konflikten Hausverbot im Jugendzentrum. Grundsätzlich fürchteten die im Projekt aktiven Peer-Teamer/innen, die für Einsätze in Schulen und im außerschulischen Bereich durch KIgA qualifiziert werden, dass es für die Jugendlichen nicht genug Anreize gab, langfristig an dem Projekt teilzunehmen. Nicht zuletzt da sich die Jugendlichen sonst eher informell und ohne Anmeldung mit ihnen trafen. »Sobald wir die Flipchart zücken, sind die Jugendlichen weg« schilderte Teamer Dennis das Problem.

Da das Jugendzentrum mit KlgA e.V. aber auch einen deutsch-französischen Jugendaustausch plante, beschloss das Team, die Projekte bei der Teilnehmerakquise miteinander zu verknüpfen: die Anmeldung für das Projekt »Meine Stadt! Meine Geschichte!« war unabhängig von der Anmeldung zum Jugendaustausch, die Anmeldung zum Jugendaustauschs war aber nur möglich für Teilnehmer/ innen des Projekts »Meine Stadt! Meine Geschichte!«. Diese Verknüpfung schien auch deshalb sinnvoll, weil die Jugendlichen sich im einem Projekt mit Stadtteilgeschichte(n) auseinandersetzten und anschließend beim Besuch der französischen Jugendgruppe die erste Gelegenheit haben würden, ihren Stadtteil zu präsentieren. Als Erfolg wertete KIgA im Rückblick, dass die Jugendlichen sich auch nach der Frankreich-Reise weiter im Projekt »Meine Stadt! Meine Geschichte!« engagiert hatten.

Projektstart

Zum ersten Projekttag mit Kennenlernaktionen erschienen viele Jugendliche, die ihre Ideen und Vorschläge einbrachten. Zeitlich hatte das Projektteam ihre Angebote an den Ramadan angepasst und das Programm mit dem Fastenbrechen verknüpft. Dies funktionierte sehr gut. Beim dritten Treffen hatte sich schließlich eine feste Gruppe herausgebildet.

Die Gruppe beschäftigte sich fortan mit der Vielfalt der Siedlung. Die Jugendlichen besprachen mit ihren Eltern ihre Familiengeschichte, führten mit Nachbar/innen oder Bekannten Gespräche und interviewten Gäste des Sommerfestes auf dem Werner-Düttmann-Platz und im Dütti-Treff. Begleitende Workshops ermöglichten eine Auseinandersetzung mit der Verflechtung von Stadt- und Migrationsgeschichten, um Migration als Normalfall für die städtische Entwicklung zu begreifen und gleichzeitig zu verstehen, dass städtische Strukturen  von ungleichen Machtstrukturen geprägt sind. Das Material aus den Interviews und die Erfahrungen aus den Workshops und den gemeinsamen Stadtteilerkundungen wurden als Impulse später in zwei Kreativworkshops aufgearbeitet.

Stadtteiltour mit Actionbound

Bei den Vorbereitungen zu einer Stadtteiltour standen nicht nur die Orte im Mittelpunkt, welche die Jugendlichen in ihrem Alltag begleiteten, sondern auch solche Orte, die von historischen Ereignissen erzählen. Als erstes legten die Jugendlichen die Route fest: Vom Hermannplatz über die Düttmann-Siedlung durch den Graefe-Kiez über das Kottbusser Tor bis in die Oranienstraße führte sie entlang der Neubauten des sozialen Wohnungsbaus aus den 1980er Jahren, vorbei an Bäckereien, Dönerläden, Imbissen, am Friedrichshain/Kreuzberg-Museum zur (Migrations-)geschichte der Stadtteile bis hin zu Orten des jüdischen und muslimischen Lebens wie der Synagoge am Fränkelufer oder der Omar Moschee – und schließlich zum Gemeinschaftszentrum Ora 34.

Vorteilhaft wirkte sich bei der Ausarbeitung der Tour die Verknüpfung mit dem deutsch-französischen Jugendaustausch aus. Durch den angekündigten Besuch der französischen Gruppe gab es eine konkrete Zielsetzung für die Teilnehmenden, um mit der App Actionbound öffentlich zugänglichen digitalen Guide zu erstellen. Die Tour wurde mit den Gästen aus Frankreich erstmals erfolgreich getestet. Ein zweites Mal wurde die Stadtteilrallye »Meine Stadt! Meine Geschichte!« mit einer Gruppe arabischer Israelis durchgeführt und wiederum von den Peer-Teamer/innen sowie einigen Jugendlichen aus der Gruppe begleitet. Hierfür gab es auch eine Übersetzung ins Arabische. Im Anschluss an den gemeinsamen Spaziergang kochten die Jugendlichen gemeinsam im Dütti-Treff und tauschten sich aus. Die meisten Jugendlichen kannten Israel nur im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. Die Begegnung mit arabischen Israelis führte zu vielen Fragen und so kam es zu einem interessanten Austausch über die israelische Gesellschaft. Mit den Stadttouren ist es gelungen, die Jugendlichen etwas über die Ränder ihrer gewohnten Alltagsorte hinaus zu führen.

Kreativworkshops

Die Jugendlichen hatten die Möglichkeit, an professionell angeleiteten Schnupperworkshops zu Theaterspiel, Radioproduktion oder Rapgesang teilzunehmen. Die Jugendlichen entschieden sich für den Radio- und den Rap-Workshops. Hierfür arbeitete das Projektteam mit Trainer/ innen der StreetuniverCity Berlin e.V. zusammen. Die jüngeren männlichen Projektteilnehmer hatten sich geschlossen für den Rap-Workshop angemeldet. Die älteren Mädchen für den Radio-Workshop. Beim Besuch im Studio des Radiosenders Radio Multikulti Fm, bei dem eine Radiosendung produziert wurde, waren allerdings auch männliche Teilnehmer dabei. Einige übernahmen kurze Moderationen, andere wurden zuvor von den Mädchen interviewt. Die beiden Workshop-Gruppen arbeiteten parallel im Dütti-Treff. So gab es Kontakt und Austausch zwischen den beiden Gruppen während der Kreativworkshops. Der aus dem Rapworkshop entstande Song wurde in der Radiosendung abgespielt. Für die Teilnehmer/innen des Rap-Workshops war der Besuch im Studio der StreetuniverCity ein besonderes Ereignis. Sie hatten sich alle zum ersten Mal im Sprechgesang ausprobiert und waren hörbar stolz, einen eigenen Song zu produzieren, bei dem sie sich mit ihrem Platz in der Stadt auseinandersetzten.

Projektabschluss

Die abschließende Präsentation des Projektes war für ein Nachbarschaftsfest geplant, das KIgA e.V. zusammen mit weiteren Akteuren aus der Werner-Düttmann-Siedlung bereits organisiert und vorbereitet hatte. Hier sollten alle Projektergebnisse in kreativen Formaten vorgestellt werden. Kurz vor dem Termin gab es in der Siedlung jedoch einige Polizeieinsätze. Die Polizei riet daher dazu, das öffentliche Fest abzusagen. Stattdessen trafen sich die Akteure der Siedlung zu einem Krisentreffen und diskutierten über Herausforderungen und Grenzen in der Gewaltpräventionsarbeit.

Für die Teilnehmer/innen des Projekts wurde eine kleine Abschiedsfeier im »Graefe-Kids« (einer Einrichtung des »Drehpunkts«) organisiert, zu der auch die Familien und Freunde aus der Siedlung eingeladen wurden. Dieses Treffen gab den Jugendlichen einen Raum zum Austausch mit den Peer-Teamer/innen über die »Ereignisse« in der Siedlung, die sie sehr beschäftigten. Es folgte eine weitere Veranstaltung unter dem Motto »Perspektiv-Wechsel« im Dütti-Treff. Auch zu diesem Anlass wurden die Fotos aus dem Projekt noch einmal ausgestellt und den Besucher/ innen des Nachbarschaftstreffs zugänglich gemacht. Auch im Hinblick auf die Ereignisse in der Siedlung zeigte die Ausstellung ein anderes Bild der Jugendlichen im Viertel.

Kontakt und weitere Informationen

Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus
Dr. Britta Hecking
Kottbusser Damm 94
10967 Berlin
Web: www.kiga-berlin.org
E-Mail: britta.hecking(at)kiga-berlin.org
Fotos: KIgA e.V.

Ansprechpartner für das Programm »Werkstatt Vielfalt«

Björn Götz-Lappe & Timo Jaster
Stiftung Mitarbeit
Ellerstraße 67
53119 Bonn
Tel. (02 28) 6 04 24-12/-17
Fax. (02 28) 6 04 24-22
E-Mail:goetz-lappe(at)mitarbeit.de
jaster(at)mitarbeit.de