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Projekt des Monats (07/2017)

»Tanz versessen« – Ein Stuhl-Tanz-Flashmob in Augsburg

Das Projekt brachte über 60 Kinder im Alter von etwa 9 bis 13 Jahren zusammen, die eine Gehörlosen-Klasse (Förderzentrum), eine Übergangsklasse für Kinder mit Migrationshintergrund bzw. eine Regelklasse (Mittelschule) besuchten. Die Teilnehmer/innen erarbeiteten und probten unter tanzpädagogischer Anleitung zunächst getrennt und dann in der Gesamtgruppe gemeinsam einen Tanzflashmob unter kreativem Einsatz von Stühlen. Der Tanz bestand aus einem gemeinsamen Anfang- und Endteil, den alle drei Gruppen kannten. Der Mittelteil wurde von den Teilgruppen jeweils selbst entwickelt und gegenseitig in den Abschlussproben vorgestellt. Ein Videoclip dienste als Anleitung, mit dem weitere Kinder zum mitmachen eingeladen wurden. Die Flashmobs fanden auf dem Rathausplatz und im lokalen Einkaufzentrum in Augsburg statt. Bei den Proben wurden wechselseitige Berührungsängste abgebaut, das soziale Miteinander gestärkt und kulturelle Teilhabe gelebt.

Auf Stühlen verbringen Menschen viel Lebenszeit:  im Büro, beim Essen, im Kino, beim Arzt, beim Friseur und in der Schule. Die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes »Tanz versessen« in Augsburg stellten sich sie Frage, was sich mit Stühlen noch machen lässt – außer auf ihnen zu sitzen. Ergebnis war ein öffentlicher Stuhl-Tanz-Flashmob, vorbereitet und aufgeführt von einer Gruppe von Schüler/innen mit und ohne Hörbeeinträchtigungen sowie mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln.

Zielsetzung

Grundgedanke war, Kinder und Jugendliche in einem Projekt zusammenzubringen, das gleichermaßen inklusiv wie integrativ wirkt. Die jungen Tänzer/innen sollten dabei eigene Ideen entwickeln können, die für sie und andere sichtbar und spürbar sind. Ein Flashmob im öffentlichen Raum bot hierfür den geeigneten Rahmen. Neben der Vermittlung tänzerischer Grundkenntnisse, ging es auch um die Befähigung der Kinder und Jugendlichen zu eigenem kreativem Umgang mit Tanz und Bewegung. Denn Tanz ermöglicht auch denjenigen Kindern und Jugendlichen Teilhabe am kulturellen Leben, die aufgrund noch fehlender Sprachkenntnisse oder aufgrund von Hörschwierigkeiten davon oft ausgeschlossen sind. Tanz ist nicht auf Worte angewiesen, sondern spricht durch Bewegung und überwindet so sprachliche Hürden.

Träger, Partner & Teilnehmende

Projektträger war der Verein Tanz und Schule Augsburg e.V., der mit zwei Schulen für das Vorhaben zusammenarbeitete. Die drei Einrichtungen hatten zuvor bereits gemeinsam Projekte durchgeführt, woraus eine feste Kooperation erwachsen war. Die Idee eines Stuhl-Tanz-Projekts mit Videoanleitung und abschließendem Flashmob stieß in beiden Schulen auf ein positives Echo. In der Folge beteiligten sich am Projekt eine Übergangsklasse für Kinder (10-12 Jahre) mit Migrationshintergrund der St. Georg Mittelschule, eine Regelklasse der St. Georg Mittelschule (7. Klasse) und eine Schülergruppe (11-12 Jahre) vom Förderzentrum für Hörgeschädigte Augsburg. Insgesamt nahmen mehr als 60 Kinder und Jugendliche an »Tanz versessen« teil.

Methode & Ablauf

Das Projekt war auf die partizipative Gestaltung einer dreiteiligen Choreografie mit Anfangs-, Mittel und Endteil angelegt, die weitgehend aus den von den Schüler/innen selbst entwickelten Bewegungen entstehen sollte. Anfang und Ende sollten gleich sein, um den per Videoanleitung eingeladenen Mittänzer/innen die Teilnahme zu ermöglichen. Der mittlere Teil wurde von den drei Schülergruppen jeweils unterschiedlich gestaltet.

Drei Tanzpädagoginnen bzw. Tanzkünstlerinnen arbeiteten mit je einer der drei beteiligten Gruppen ein halbes Jahr lang zusammen. Jede Gruppe hatte eigene Bedürfnisse. So sind z.B. das Tanzen auf einem Stuhl oder wiederholte Drehungen für einige hörgeschädigte Schüler/innen aufgrund des im Ohr befindlichen Gleichgewichtsorgans eine weitaus größere Aufgabe als für andere. Im Verlauf des Projektes kamen die Gruppenleiterinnen immer wieder zusammen, um das von und mit den Schüler/innen gestaltete Material auszutauschen und aus den Bewegungen den Anfangs- und Endteil der Choreografie zu gestalten, der auch per Videoanleitung vermittelt werden sollte.

Von Anfang an wussten die Schülerinnen, dass am Projekt noch andere Klassen beteiligt sind, die sie in gemeinsamen Proben kennenlernen und mit denen sie gemeinsam auftreten würden. Als es Ende März 2017 an die Dreharbeiten für die Videoanleitung ging, entstand zunächst viel Aufregung. Der Gedanke, in der Stadtöffentlichkeit und im Internet für jedermann sichtbar zu werden, erwies sich für einige als äußerst anregend, während er bei Anderen Zurückhaltung auslöste.

Das Projekt hatte sich in der Schülerschaft beider Schulen herumgesprochen und das Anleitungsvideo wurde unmittelbar nach der Veröffentlichung mehrere hundert Male angeklickt. Die mehrsprachige Anleitung – inklusive der Gebärdensprache – in der das Vorhaben von den Kindern selbst erklärt wurde, erwies sich als sinnvoll und wirksam. Dadurch fühlten sich weitere Kinder angesprochen, die von ihren Freunden oder den Schulen davon erfahren hatten. Um allen Interessierten – zu denen mittlerweile auch eine Reihe Erwachsener gehörte – die Möglichkeit der Teilnahme zu geben, veranstalteten die Projektverantwortlichen an zwei Terminen kostenlose Workshops – nicht zuletzt um auch Schüler/innen aus sozial benachteiligten Familienverhältnissen eine Teilnahme zu ermöglichen.

Die mehrtätigen Intensivproben im Mai stellten für alle Projektbeteiligten ein besonderes Erlebnis dar. Viele Schüler/innen  hatten noch nie vorher Kontakt zu gleichaltrigen Hörgeschädigten. Das Förderzentrum Hören hatte die anderen Projektgruppen eingeladen, die Intensivproben in der dortigen Aula durchzuführen. Dadurch übernahmen die gehörlosen Schüler/innen die Rolle der Gastgeber. Weder Höreinschränkungen noch unterschiedliche Herkunft mussten explizit thematisiert werden. Anfangs bot die eigene Gruppe einen »sicheren Hafen«. Doch zunehmend entstand ein Miteinander unter allen Tänzer/innen. Die Gruppen zeigten einander die Teile, die sie selbst erarbeitet hatten. Dann begannen alle gemeinsam, das »große Ganze« zusammenzuweben.

Schwierigkeiten & Lösungen

Eine Besprechung mit allen Projektbeteiligten zu Beginn des Vorhabens machte deutlich, dass aufgrund verschiedener Termine an den Schulen (z.B. Praktikums- und Projektwochen, Prüfungen, Ausflüge) sowohl gemeinsame Proben wie auch das Aufführungsdatum verschoben werden mussten. Aus sechs Terminen für die gemeinsamen Proben mit allen beteiligten Schüler/innen wurden mehrere Intensivtage, für welche die Schüler vom Unterricht befreit wurden. Diese Änderung ermöglichte sogar mehr gemeinsame Arbeitszeit und ließ eine Stimmung entstehen, die der einer Klassenfahrt sehr ähnlich war. Weiterhin wurde gemeinsam mit den Beteiligten entschieden, einen zusätzlichen Auftritt an einem wetterunabhängigen Ort, anzustreben. Das örtliche Einkaufszentrum konnte hierfür als Aktionsort gewonnen werden.

Flashmobs an zwei Orten

An zwei aufeinander folgenden Tagen im Mai fanden die Flashmobs schließlich jeweils nachmittags statt. Im Einkaufszentrum tanzten 60, auf dem Rathausplatz rund 85 Schüler/innen die einstudierte Stuhl-Tanz-Choreografie. Wie viele Teilnehmende sich aufgrund der Videoanleitung dazugesellten, war nicht genau ermittelbar. Beide Flashmobs fanden eine große öffentliche Resonanz. In der größten regionalen Tageszeitung und auch im Hörfunk wurde über das Projekt und die Auftritte berichtet.

Die Flashmob-Aktionen wurden filmisch festgehalten, zu einem Projektfilm geschnitten und abschließend auf Youtube veröffentlicht. Nach den Auftritten erhielten auf einem abschließenden Treffen alle Schüler/innen für ihre erfolgreiche Teilnahme eine Urkunde. Außerdem gab es eine Filmvorführung, bei der der Auftrittsfilm auf der großen Leinwand präsentiert wurde. Ihre Arbeit und deren Wirkung in diesem Rahmen zu sehen, beindruckte die Schüler/innen sichtlich.

Wirkung & Perspektiven

Das Projekt ermöglichte Kontakte zwischen Kindern mit und ohne Hörbeeinträchtigung sowie mit jungen Menschen, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland leben. Die gewonnenen Erfahrungen lassen sich für Tanz und Schule Augsburg e.V. auf weitere Projekte übertragen und bei allen Beteiligten besteht der Wunsch, ein ähnliches Projekt zu wiederholen. Der Stuhl-Tanz-Flashmob aus Augsburg könnte vielleicht aber auch an anderen Orten seine integrative und inklusive Wirkung entfalten.

Kontakt und weitere Informationen

Tanz und Schule Augsburg e.V.
Sonja Paffrath & Antje Papke
Gögginger Str. 59
86159 Augsburg
E-Mail: info(at)tanz-und-schule-augsburg.de
Web: www.tanzundschuleaugsburg.de

Ansprechpartner für das Programm »Werkstatt Vielfalt«

Björn Götz-Lappe & Timo Jaster
Stiftung Mitarbeit
Ellerstraße 67
53119 Bonn
Tel. (02 28) 6 04 24-12/-17
Fax. (02 28) 6 04 24-22
E-Mail:goetz-lappe(at)mitarbeit.de
jaster(at)mitarbeit.de