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Projekt des Monats (07/2020)

»Lebenswelt Gröpelingen« – Eine Stadtteilführung, mal anders...

Mit diesem Stadtteilerkundungsprojekt wurde die Vielfalt eines Quartiers im Bremer Westen positiv heraus- und die Lebenswelt von dort ansässigen Jugendlichen kreativ vorgestellt. Rund zwanzig Schüler/innen im Alter von 13 bis 16 Jahren, viele aus nichtakademischen Elternhäusern bzw. solchen ohne hohes Einkommen, erarbeiteten dazu eine besondere Stadtteilführung im Rahmen von wöchentlichen Treffen und Workshopterminen. Im Laufe des Projektes sammelten die Beteiligten Informationen über Orte, Leben und Geschichten im Stadtteil. Sie fragten sich selbst: Was bewegt mich? Welchen Blick habe ich auf den Stadtteil? An Orten, die in ihrem Leben eine Rolle spielen, sprachen sie mit Menschen, deren Sichtweisen sie interessierten. Hieraus entwickelte die Projektgruppe gemeinsam interaktive Audio-, Video- und Theaterbeiträge, die sie in einer abschließenden interaktiven Theatervorführung in der Stadtteilbibliothek vorstellten.

Im Bremer Stadtteil Gröpelingen leben überdurchschnittlich viele junge Menschen. Viele von ihnen stammen aus sogenannten bildungsfernen Elternhäusern oder solchen mit einem geringen Familieneinkommen. Nicht selten sind beide Elternteile von Arbeitslosigkeit betroffen. Gleichzeitig ist Gröpelingen ein kulturell vielfältiger Stadtteil: Zahlreiche Gastarbeiter, insbesondere aus der Türkei, waren hier in den Betrieben der Gröpelinger Hafenwirtschaft beschäftigt. Noch heute bietet der Stadtteil daher vielen Menschen mit Migrationshintergrund ein Zuhause. Mit seiner diversen Bevölkerung und hohem Armutsrisiko ist das Quartier im Bremer Westen mit zahlreichen Vorurteilen behaftet.

Mit »Lebenswelt Gröpelingen« schuf Moves gUG ein künstlerisch interdisziplinäres Projekt, das es den beteiligten Jugendlichen ermöglichte, ihr Umfeld neu zu entdecken und anderen ihre Lebenswelt vorzustellen. Ziel war es, den bestehenden Vorurteilen etwas entgegenzusetzen und die Diversität von Gröpelingen im Rahmen der künstlerischen Erkundung und Verarbeitung als Mehrwert herauszuarbeiten.

Das Projekt ermöglichte zwanzig Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren, sich selbst über mehrere Monate hinweg als Kunst- und Kulturschaffende sowie als Expert/innen für ihr eigene Lebenswelt zu erleben. Die Teilnehmer/innen wurden über gezielte Besuche in Schulen und Jugendeinrichtungen angesprochen, bei denen das Projekt vorgestellt wurde. In einem Projektbündnis arbeitete Moves gUG hierfür mit der Neuen Oberschule Gröpelingen, mit dem Bürgerhaus Oslebshausen, mit der Stadtbibliothek West sowie mit Akteur/innen des Stadtteils aus den Bereichen Kunst, Kultur und Politik zusammen.

Geschichten aus Gröpelingen

Die Jugendlichen kamen zu wöchentlichen Treffen, monatlichen Wochenendterminen und zu einem abschließenden Ferienworkshop zusammen. Sie besuchten unterschiedliche Orte im Stadtteil, die Anknüpfungspunkte zu ihrem Alltag hatten, stellten sich diese untereinander vor und recherchierten weitere Informationen zu ihrem Umfeld. Vor den Stadtteilerkundungen trug die Projektgruppe gemeinsam viele persönliche Geschichten aus Gröpelingen zusammen. Hierbei spielten die Orte, die im Leben der Jugendlichen wichtig waren und die sie gemeinsam aufsuchen wollten, eine besondere Rolle.

Um die künstlerische Darstellung ihres Stadtteils und ihrer Lebenswelten zu unterstützen, erhielten die Teilnehmenden Einblicke in verschiedene Kunstrichtungen: Beginnend mit der Vermittlung von Fähigkeiten im Bereich Film folgte die Vermittlung von Grundkenntnissen im Bereich Tanz, Theater und Tanztheater.

Um den Umgang mit den Medien Film und Fotografie kennenzulernen und einzuüben, waren die Jugendlichen dazu aufgefordert, ihre Lieblingsorte im Stadtteil zu portraitieren und über diese zu berichten. Sie interviewten Bezugspersonen und sammelten so Geschichten aus Gröpelingen oder recherchierten im Internet zu wichtigen Akteuren und Einrichtungen im Stadtteil. In einem weiteren Schritt erdachten sie Werbekampagnen für den Stadtteil und setzten diese filmisch um. Im Rahmen der Wochenendworkshops wurden die Rechercheergebnisse gemeinsam »bewertet«. Die Gruppe erörterte, wie die Geschichten aus dem Stadtteil etwa mittels Tanztheater interaktiv und künstlerisch auf die Bühne gebracht werden können.

Zum Abschluss fand ein viertägiger Workshop in den Osterferien statt. Die Gruppe arbeitete in einem intensiven Prozess die finale Bühnenfassung der Stadtteilführung aus, die schließlich mit Audio-, Video- und Theaterbeiträgen teils als Live-Performance und teils mit Videozuspielern ausgestaltet wurde. Bei diesem Workshop bekamen sie Unterstützung von einem Choreographen sowie von einem Rap- und Poetry Slam-Künstler.

Der Stadtteil auf der Bühne

Anstatt »analog« durch die Straßen des Stadtteils zu gehen, wurde dem Publikum an zwei Abenden in der Stadtbibliothek West eine interaktive Stadtteilführung mit medialen, tänzerischen und theatralen Einsätzen geboten, über deren Verlauf die Gäste in Teilen selbst mitbestimmen konnten. Auch einige Akteure, die für die Diversität Gröpelingens stehen und ihre Geschichten aus dem Stadtteil erzählten, kamen bei der Inszenierung zu Wort.

Die gesamte Vorführung wurde von vier dokumentarischen Videobeiträgen begleitet, die einen Perspektivwechsel ermöglichten. Während auf der Bühne eine imaginierte jedoch von der Realität inspirierte Inszenierung aufgeführt wurde, zeigten die Filme die »Gröpelinger Realität«.

Das verbindende Element der ersten Szene war ein wichtiger Teil der persönlichen Lebenswelten der  meisten Jugendlichen im Projekt: die Schule. Auf die verschiedenen Sprachen, die in Gröpelingen gesprochen werden, gingen die Jugendlichen wiederum in der zweiten Szene ein. Mit einer Tanzeinlage luden sie das Publikum zu einer Zeitreise durch die Popkultur ein, vermischt mit diversen kulturellen Einflüssen.

In Szene drei wurde Bezug auf die Community der Gastarbeiter/innen genommen, die den Stadtteil Gröpelingen seit den 1960er Jahren kennzeichnete. Die Jugendlichen beschrieben mit Mitteln des lmprovisationstheaters die Migrationsgeschichte eines imaginären Charakters aus der Türkei nach Deutschland. Die Zuschauer/innen hatten die Möglichkeit, durch Abstimmung zu entscheiden, wie die Geschichte auf der Bühne weiter verlief.

Der abschließende Part bestand aus einer Poetry Slam-Inszenierung, zu der ein Filmbeitrag der Teilnehmer/innen über ihre Lieblingsorte in Gröpelingen gezeigt wurde.

Kreative Kompetenzen und Ermutigung

Durch die Begegnungen im außerschulischen Kontext bot sich den Jugendlichen eine Plattform zum Kennenlernen anderer Lebensrealitäten und -entwürfe und sie erhielten Denkanstöße bezüglich der gesellschaftlichen Diversität in ihrem Umfeld. Neben dieser Auseinandersetzung mit dem Stadtteil und ihren Mitmenschen ermutigte das Projekt die Teilnehmenden durch die künstlerische Betätigung dazu, eigene Stärken und Kompetenzen zu erkennen. Sie wurden bestärkt, ihre Lebenswelt zu reflektieren und diese kreativ und als mündige Bürger/innen mitzugestalten.

Kontakt und weitere Informationen

Moves gUG
Anne Kauhanen, Arton Veljiu
Am Nonnenberg 40
28239 Bremen
Web: www.my-moves.org
E-Mail: info(at)my-moves.org

Ansprechpartner für das Programm »Werkstatt Vielfalt«

Björn Götz-Lappe & Timo Jaster
Stiftung Mitarbeit
Ellerstraße 67
53119 Bonn
Tel. (02 28) 6 04 24-12/-17
Fax. (02 28) 6 04 24-22
E-Mail:goetz-lappe(at)mitarbeit.de
jaster(at)mitarbeit.de