Projekt des Monats (06/2020)

»Deine Stadt – meine Stadt« – Ein Filmprojekt über die Vielfalt Duisburgs

Bei diesem Medienprojekt trafen Jugendliche aus der offenen außerschulischen Bildungseinrichtung livingroom in Duisburg auf Menschen, die sie im öffentlichen Raum ansprachen oder die sie an besonderen Orten in der Stadt interviewten. Die Teilnehmer/innen, viele aus sozial benachteiligten Familien, unternahmen Stadtteilbegehungen und wählten die Personen, mit denen sie sich näher beschäftigen wollten, selbst aus. Nach einführenden Workshops zur Medienarbeit und der Geschichte Duisburgs machten die Jugendlichen Filmaufnahmen, in denen sie die Stadt und ihre Menschen portraitierten. Sie organisierten eine Filmvorführung, in dessen Rahmen sie den Film abschließend einem größeren Publikum vorstellten. An die Präsentation schloss sich ein Austausch mit den Zuschauer/innen und Protagonist/innen des Films an. Das Projekt ermöglichte den Jugendlichen eine Auseinandersetzung mit der Stadt und einen Perspektivwechsel auf das eigene Umfeld.

Duisburg hat heute knapp 500.000 Einwohner, 7 Bezirke und 46 Stadtteile. »Aber Duisburg ist viel mehr als Zahlen und Fakten«, wissen die Teilnehmer/innen des Projektes »Deine Stadt – meine Stadt« zu berichten. »Duisburg ist Heimat, unser Zuhause Wir haben uns auf den Weg gemacht, Duisburg und unsere Nachbar/innen kennenzulernen, neue Orte zu entdecken und herauszufinden, was Duisburg eigentlich für uns und viele andere bedeutet.«

Mit großem Interesse an ihrer Umgebung und ihren Mitmenschen waren Jugendliche und junge Erwachsene in einem Filmprojekt von livingroom – help youth grow e.V. unterwegs. Sie trafen auf viele Menschen und befragten sie nach Lieblingsorten, Geschichten und Wünschen für die Großstadt an Rhein und Ruhr.

Worum geht es?

Heute kennen Jugendliche – vermittelt über digitale Medien – Menschen und Fotos aus der ganzen Welt. Die eigene Stadt aber, den eigenen Stadtteil und ihre Nachbar/innen sind ihnen oft eher fremd. Das Projekt »Deine Stadt – meine Stadt« setzte hier an: es ermöglichte den Teilnehmer/innen, sich bewusst mit ihrem räumlichen Umfeld auseinanderzusetzen und mit Menschen aus ihrer Nachbarschaft in Kontakt zu treten. Die Jugendlichen förderten in den Gesprächen mit ihren Interviewpartner/innen neue Ansichten und Blickwinkel auf die Stadt Duisburg und die Lebenssituationen ihrer Einwohnerinnen und Einwohner zutage.

Wer war dabei?

Zu den regelmäßigen Teilnehmenden des knapp einjährigen Projekts zählten acht Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16-24 Jahren. Einzelne besuchten die Realschule oder die Gesamtschule, andere die Berufsfachschule oder das Gymnasium. Von denjenigen, die bereits die Schule beendet haben, waren zwei in einer schulischen Ausbildung bzw. einer beruflichen Maßnahme. Eine weitere Teilnehmerin befand sich in einer Ausbildungsorientierung. An den ersten von knapp 30 Projektterminen erlernten die Teilnehmer/innen den Umgang mit Videokamera und Audiosoftware und sammelten erste Themen. Sie unterhielten sich über die Stadt und suchten Orte heraus, die sie selbst als sehenswert erachteten und wo sie gerne mit Menschen ins Gespräch kommen wollten.

Unterwegs auf den Straßen und Plätzen der Stadt

Mit einem Fragebogen, einer Filmkamera und Smartphones für Tonaufnahmen ausgerüstet interviewten die Teilnehmer/innen einerseits spontan Menschen an beliebten Duisburger Plätzen. Es entstand dabei mitunter ein Dominoeffekt, denn die meisten Menschen, mit denen die Jugendlichen sprachen, wiesen wiederum auf besondere und interessante Duisburger Orte hin. Um die Bandbreite der Interviewpartner zu erweitern, fragten die Jugendlichen andererseits gezielt Personen aus Duisburg, die sie gerne kennenlernen wollten, für ein Gespräch an.

Die Projektgruppe war im Landschaftspark Nord unterwegs und interviewte die dortigen Besucher/innen. Gesprächsthema war vielfach die durch die Industriekultur geprägte Landschaft. Ein ehemaliger Walzengießer erinnerte sich an seine frühere Tätigkeit (»Am Skateboard Park liegt die letzte große Walze, die wir gegossen haben.«). Im Botanischen Garten und im Duisburger Innenhafen (»Fotografisch eine Location, die sich tags und nachts lohnt.«) trafen sie auf weitere Passant/innen, die gerne Auskunft gaben über das Leben in Duisburg und ihre Lieblingsorte. Auch das durch den Strukturwandel veränderte Stadtbild war immer wieder Gegenstand der Interviews. Einige Menschen berichteten, dass sie in ihrer Kindheit nicht gerne in Duisburg lebten und eine negative Prägung durch den Ruf der Stadt spürten. Viele teilten aber auch mit, dass sich die Stadt in ihren Augen zuletzt positiv verändert hat. Duisburg habe viel mehr zu bieten, als allgemein unterstellt wird. Einige merkten an, dass die Stadt einen stärken Zusammenhalt unter den Menschen und mehr gemeinsame Aktivitäten benötige.

Die Jugendlichen sprachen mit einem Capoera-Tänzer und einem Heizungsbauer. Ein Restaurantbetreiber betonte die direkte Art im Ruhrgebiet, die er sehr zu schätzen weiß, und ein Künstler, der den Jugendlichen sein Atelier zeigte, forderte die Menschen der Stadt auf, kreativ zu sein und eigene Ideen umzusetzen. Ein Binnenschiffer erzählte vom Heimweh auf Reisen und eine Ehrenamtliche bei der Essensausgabe für Wohnsitzlose von ihren Zukunftsplänen.

Das Projekt führte die Beteiligten durch Fußgängerzonen, über Plätze und an ihnen zuvor unbekannte Orte. Im Rahmen kleinerer Nachbarschaftsfeste, welche die Jugendlichen mitorganisierten, wurden ebenfalls Interviews mit Gästen geführt. Dort standen etwa ein Bankkaufmann, der auch als Gospel-Rapper bekannt ist, ein Journalist sowie Mitglieder des Lions Club aus Duisburg-Hamborn Rede und Antwort. Des Weiteren fand eine »Dankestour« statt, an der neben den Projektteilnehmer/innen auch weitere Kinder und Teenager teilnahmen, die regelmäßig die außerschulischen Bildungsangebote von livingroom wahrnahmen. Gemeinsam besuchten sie drei verschiedene Orte wie z.B. die Freiwillige Feuerwehr, um den Menschen, die sich dort überwiegend ehrenamtlich engagieren, »Danke« zu sagen. Auch hierbei entstanden teilweise Möglichkeiten für Interviews.

Die Motivation wächst mit jedem Gespräch

Gingen die Jugendlichen zu Beginn des Projektes oft noch sehr verhalten an die Interviews heran, wurden sie umso offener, je mehr Gespräche sie geführt und je mehr sie sich in das Thema hineingedacht hatten. Sie waren außerdem von der Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit der Menschen, denen sie begegneten, positiv überrascht. Die Interviewten wiederum äußerten großes Interesse am Projekt. Sie fanden es sehr spannend, dass sich Jugendliche auf die Suche nach Begegnungen mit der Nachbarschaft machten. Mit jeder Person, die befragt wurde, ergab abseits der Kamera ein weiterführendes Gespräch über Duisburg, bei dem die Jugendlichen auch ihre eigenen Sichtweisen auf Duisburg einbrachten.

Nach jedem Interview ließ sich feststellen, dass die Teilnehmenden einen kleinen Motivationsschub und eine neue positive Einstellung zum Projekt erhielten. Dies war nach Aussage der Projektleitung ein wichtiger Faktor, da sich eigentlich alle Beteiligten im Alltag – besonders durch die Schule – großen Herausforderungen gegenübersähen. Die meisten von ihnen stammten aus sozialen Verhältnissen mit wenig Struktur, in denen ihnen wenig Durchhaltevermögen vorgelebt wird. Sie hätten oft gelernt, lieber zu resignieren und abzubrechen, als Projekte weiter zu verfolgen und abzuschließen. Daher sei der Verlauf des Projekts und die stetige Aktivität der Jugendlichen trotz einzelner Motivationstiefpunkte als große Leistung der Jugendlichen zu bewerten. Das Ergebnis und die zahlreichen positiven Rückmeldungen zeigten den Jugendlichen, dass es sich lohnt, in ein Projekt zu investieren und es zu einem guten Abschluss zu bringen.

Film ab...

Die Filmpräsentation war ein wichtiges Ereignis für die Jugendlichen. Die Organisation und Durchführung der Veranstaltung gelang den Teilnehmer/innen gut und förderte unterschiedliche Begabungen zutage: von der Dekoration des Raums und der Organisation des Caterings über das Einladen und Begrüßen der Gäste aus der Nachbarschaft bis zur Moderation des Abends. Während die Zahl der Gäste – rund 40 Personen, zu einer Preview waren zuvor bereits 20 Nachbar/innen gekommen – vor dem Hintergrund der vielfältigen und aufwändigen Bewerbung der Präsentation vergleichsweise gering ausfiel, wogen die positiven Rückmeldungen der Anwesenden dies mehr als auf. Am anschließenden kalten Buffet gab es noch zwei Stunden nach Ende der Filmvorführung nachbarschaftliche Gespräche.

Weitere Aufführungen – etwa im Rahmen eines Festivals oder in einer Gaststätte – wurden geplant, zu denen wiederum einzelne Interviewpartner/innen aus dem Film eingeladen waren. Zuletzt stellten die Projektverantwortlichen den Film online, verbunden mit der Hoffnung, dass er Anlass für weiteren Austausch in Duisburg bietet.

Kontakt und weitere Informationen

livingroom – help youth grow e.V.
Amadeus Sommer
Von-der-Mark-Straße 29
47137 Duisburg
Web: www.livingroom-duisburg.de
E-Mail: info(at)livingroom-duisburg.de

Ansprechpartner für das Programm »Werkstatt Vielfalt«

Björn Götz-Lappe & Timo Jaster
Stiftung Mitarbeit
Ellerstraße 67
53119 Bonn
Tel. (02 28) 6 04 24-12/-17
Fax. (02 28) 6 04 24-22
E-Mail:goetz-lappe(at)mitarbeit.de
jaster(at)mitarbeit.de