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»Vielfalt im Portrait«
Weibliche Lebensstile in Frankfurt am Main

Das Vorhaben richtete sich an Mädchen und junge Frauen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft. Sie trafen sich regelmäßig und erstellten Portraits von unterschiedlichen Stadtteilbewohnerinnen, die die Vielfalt und Ressourcen im Stadtteil sichtbar machen. Vorab wurden sie in der Durchführung von Interviews angeleitet und setzen sich mit dem Vielfaltsbegriff auseinander. Im Rahmen eines Workshops lernten sie außerdem die Grundtechniken der Portrait-Fotografie. Die interviewten Bewohnerinnen brachten ihre Lebensgeschichten und Erfahrungen aus dem Beruf oder Engagement ein. Die Gespräche wurden ausgewertet, Texte erstellt und mit den Fotos der Interviewten als Kalenderblätter gestaltet. Bei der abschließenden Ausstellung wurden die Ergebnisse öffentlich präsentiert. Das Projekt förderte die Selbstwirksamkeit der Teilnehmerinnen als aktiv Handelnde, das Verständnis für unterschiedliche Lebensformen sowie persönliche Begegnungen.

Projektidee

Schluss machen mit dem Schubladen-Denken, Berührungsängste abbauen und neue Perspektiven entwickeln: In Frankfurt-Bornheim machten sich 18 Mädchen und junge Frauen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft daran, die Vielfalt der Lebensstile von ansässigen Frauen – ob mit oder ohne Migrationshintergrund – in Bild und Wort zu portraitieren. Der Verein infrau e.V., der ein Interkulturelles Beratungs- und Bildungszentrum für Frauen, Mädchen und Seniorinnen im Stadtteil betreibt, führte das Projekt »Vielfalt im Portrait« durch.

Über Vielfalt sprechen

Das Projekt wurde zu Beginn u. a. von der Freiwilligenagentur Büro Aktiv mit dem Angebot »jung und freiwillig« unterstützt, über das sich viele interessierte junge Frauen meldeten. Dem gegenseitigen Kennenlernen folgte die intensive Arbeit am Thema »Vielfalt«, die nie wirklich abgeschlossen war, sondern sich durch das ganze Projekt zog. Viele der Teilnehmerinnen hatten sich bereits einige Gedanken gemacht, die sie nun in der Gruppe diskutieren konnten. Auch die eigenen Erfahrungen mit Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung wurden von vielen Teilnehmerinnen zur Sprache gebracht. Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten entsponnen sich entlang von Fragen wie: Wo sind unsere eigenen Grenzen der Toleranz? Wie homogen ist eigentlich unser Freundes- und Bekanntenkreis? Was haben Homosexualität oder Behinderung mit unserem Thema zu tun? Aus diesem Austausch entwickelten sich nach und nach erste Ideen für die bevorstehenden Interviews.

Ins richtige Licht rücken

Eine ehrenamtliche Fotografin zeigte den Teilnehmerinnen in mehreren Workshops, wie über die Fotografie Wertschätzung ausgedrückt werden kann. Sie gab Hinweise, wie sich die zu portraitierenden Frauen beim Fotoshooting wohlfühlen können, um so einen authentischen Eindruck von sich selbst zu vermitteln. Zunächst probierten die teilnehmenden Mädchen das Fotografieren aber gegenseitig an sich selbst aus.

Echte Begegnungen

Dann wurde es ernst. Die jungen Frauen hatten eine lange Liste mit Vorstellungen von Vielfalt, die im Kalender abgebildet werden sollten. Sie einigten sich auf zwölf Frauen aus dem Stadtteil, sprachen sie an und legten Termine mit ihnen fest. Unter den Portraitierten finden sich etwa eine Soziologin, eine Kommunikationsberaterin, eine Schneiderin, eine Bürokauffrau, eine Lehramtsstudentin und einige ehrenamtlich Engagierte. Die Frauen stammen z.B. aus dem Iran, Aiserbaidschan, Dänemark, Afghanistan oder aus dem hessischen Vogelsbergkreis. Die Älteste ist Jahrgang 1956, die Jüngste Jahrgang 1997.

Die beteiligten Mädchen und die Projektverantwortlichen von infrau e.V. waren sehr positiv überrascht von der Offenheit und dem Vertrauen, das diese Frauen den jungen Fragestellerinnen entgegenbrachten, auch wenn sie den Verein oder die Teilnehmerinnen vorher gar nicht kannten. Sowohl die interviewten Frauen als auch die Mädchen sprachen offen über ihre Träume, Wünsche und Ängste. Sie fanden viele Gemeinsamkeiten, etwa im Hinblick auf gesellschaftliche Missstände und deren Überwindung. Durch die tiefgängigen Gespräche hatte jeder einzelne Termin seine eigenen »Gänsehautmomente«. Da die Frauen und Mädchen ihre eigenen Erfahrungen und Gedanken einbrachten, wurden aus den Interviews echte Begegnungen.

Auch die Aufnahme der Portraitfotos war jedes Mal wieder ein aufregender Moment für alle Beteiligten. Manche Frauen wussten genau, wo und wie sie fotografiert werden wollten. Mit anderen war es ein längerer Prozess, die passende Pose zu finden. Die Mädchen zeigten dabei viel Geduld und Einfühlungsvermögen.

Kalender

An der Erstellung des Kalenders waren die Mädchen und jungen Frauen intensiv beteiligt. Während der Herbstferien gab es mehrtägige Arbeitstreffen, bei denen sie die Ergebnisse gemeinsam auswerteten und den Kalender gestalteten. Hier erinnerten sich alle noch einmal an die Erlebnisse mit den Portraitierten. Jede Teilnehmerin hatte ihr eigenes persönliches Highlight: eine Überlegung oder ein Satz aus einer Begegnung, der wichtig für sie geworden war. Diese Gedanken ergänzen im fertigen Jahreskalender die Portraitfotos. Die jungen Frauen agierten im Projektverlauf zunehmend selbstständiger und hatten eigene konkrete Vorstellungen, wie das Ergebnis aussehen sollte und setzten sich dafür ein.

Ausstellung

Die Präsentation der Ergebnisse in den Räumen von infrau e.V. war noch einmal ein ganz besonderer Moment. Die einzelnen Frauen standen stolz vor ihren Portraits und beantworteten Fragen zu ihren Biografien. Die portraitierten Frauen gingen neugierig aufeinander zu, einige tauschten Telefonnummern aus und möchten sich auch zukünftig treffen.

Als die Ausstellung ihrem Ende zuging saßen schließlich einige Frauen und Mädchen in einer Ecke zusammen und besprachen neue Projektideen. Teile der Ausstellung wurden anschließend in weiteren Zusammenhängen präsentiert. Einen festlichen Rahmen bildete z.B. das Vereinsjubiläum von infrau e.V. im Juni 2015 in der »Orangerie« in Frankfurt.

Erfolge

Für die teilnehmenden Mädchen und jungen Frauen war es wichtig, auf die konkreten Ziele Kalendererstellung und Ausstellung hinzuarbeiten, die sie schließlich stolz präsentieren konnten. Dies steht neben der wertschätzenden Darstellung von Unterschiedlichkeit und Vielfalt ganz konkret für ein weiteres wichtiges Anliegen des Projekts: den Blick auf die Leistungen und Fähigkeiten von Migrantinnen zu lenken. Jede einzelne Teilnehmerin – ob Mädchen oder Frau – hat aus den Begegnungen ihre eigenen stärkenden Momente mitgenommen. Die Mädchen haben gesehen, was sie erreichen und umsetzen können. Die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und die Geschichte der Portraitieren motivieren, das eigene Leben, aber auch gesellschaftliche Probleme in die Hand zu nehmen und anzugehen. So hat dieses Projekt auch einen wichtigen Beitrag zur Sozialisation von Mädchen mit Migrationshintergrund hin zu mehr gesellschaftlichem Engagement geleistet. Darüber hinaus bleiben die Kontakte zwischen den Frauen und Mädchen, die im Projekt erstanden sind.

Auch die Projektverantwortlichen haben Kontakte zu möglichen zukünftigen Kooperationspartnern geknüpft, die neue Impulse in der Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund setzen werden

Kontakt und weitere Informationen

infrau e.V.
Jennifer Kreckel
Höhenstraße 44
60385 Frankfurt am Main
E-Mail: info(at)infrau.de
Web: www.infrau.de

Ansprechpartner für das Programm »Werkstatt Vielfalt«

Björn Götz-Lappe & Timo Jaster
Stiftung Mitarbeit
Ellerstraße 67
53119 Bonn
Tel. (02 28) 6 04 24-12/-17
Fax. (02 28) 6 04 24-22
E-Mail:goetz-lappe(at)mitarbeit.de
jaster(at)mitarbeit.de