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Projekt des Monats (05/2018)

»Collagen zur Demokratiegeschichte« – Bürgerbewegungen auf der Spur

An diesem politischen Bildungsprojekt in Hannover waren Jugendliche und junge Erwachsene vielfältiger kultureller Herkunft aus dem Stadtteil Linden-Limmer beteiligt. Die Teilnehmer/innen erforschten in parallelen Arbeitsgruppen die Geschichte wichtiger Bürgerrechtsbewegungen in der Region Hannover seit den späten Sechzigerjahren. Dabei recherchierten sie zu einem breiten Themenspektrum von Ökologie über schwul-lesbische Emanzipation oder Stadtteilsanierungen und wurden so für die Möglichkeiten politischer Partizipation und die Potenziale sozialer Bewegungen sensibilisiert. Im Rahmen von Zeitzeugeninterviews fertigen sie Tondokumente an, welche die Jugendlichen mit (historischem) Bildmaterial kombinieren. Diese Ton-Bild-Collagen wurden an vier Terminen öffentlich präsentiert und ausgestellt. Begleitet wurden diese Präsentation jeweils durch Diskussionsveranstaltungen, über die die Projektgruppe mit interessierten Bürger/innen aus Hannover in Kontakt trat. Die Rechercheergebnisse wurden in ein Online-Archiv aufgenommen, wo sie für alle Interessierten langfristig abrufbar sind. Die Workshops wurden von den Mitgliedern einer lokalen Radioinitiative unterstützt.

Die Geschichte der Bundesrepublik liefert zahlreiche ermutigende Beispiele gelungener bürgerschaftlicher Bewegungen, die wesentlich und langfristig zur Entwicklung einer modernen und toleranten Gesellschaft beigetragen haben. Vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind diese Prozesse aber schon nicht mehr bewusst. Dabei ist die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ein zentraler Baustein für die Aneignung und das Begreifen politischer Partizipationsprozesse. Die Geschichte bürgerschaftlicher Bewegungen vermittelt ein Bewusstsein für die Möglichkeiten, in politische Prozesse erfolgreich eingreifen zu können. Nur mit diesem Bewusstsein können Jugendliche und junge Erwachsene die ihnen zur Verfügung stehenden Freiheiten politischer Partizipation realistisch einschätzen und nutzen. Politikverdrossenheit und einem frustrierten Rückzug von politischer Teilhabe wird so vorgebeugt.

FAUST e.V. in Hannover nahm diesen Umstand zum Anlass mit dem Projekt »Collagen zur Demokratiegeschichte« gemeinsam mit jungen Teilnehmer/innen mit verschiedenen kulturellern Hintergründen die Geschichte politischer Bewegungen in Hannover und der Region zu erforschen. Schüler/innen der Integrierten Gesamtschule Linden, Jugendliche aus dem Verein Ternengo Drom e Romengo – Roma-Jugendliche in Niedersachsen e.V. und aus der Kurdischen Jugend Hannover gingen gemeinsam auf Spurensuche, um die Wegbereiter einer vielfältigen Gesellschaft kennenzulernen. Ziel war es nicht nur, die jungen Teilnehmer/innen zu einer kreativen Auseinandersetzung mit ihrem Umfeld anzuregen und einen Austausch zwischen den Generationen anzustoßen, sondern auch, einen Teil der regionalen Geschichte Hannovers zu erschließen und für die Stadtöffentlichkeit nachhaltig zugänglich zu machen.

Die insgesamt 32 Teilnehmer/innen recherchierten zu einem breiten thematischen Spektrum von Bürgerinitiativen. Zu sieben Bewegungen wurden Ergebnisse zusammengetragen und aufbereitet. Über die Befragung von Zeitzeug/innen und die Aufnahme von Interviews näherten sich die Jugendlichen den Geschichten um die Bürgerbewegungen in Hannover.

Die »Rote Punkt«-Aktion 1968

Am 1.6.1969 erhöhten die Hannoverschen Verkehrsbetriebe die Preise massiv und ordneten die Fahrpreisstruktur neu. Obwohl Schüler/innen und Studierende von den Erhöhungen ausgenommen wurden, organisierten eben diese Protestaktionen, die von weiten Teilen der Bevölkerung mitgetragen wurden. Der Straßenbahnverkehr wurde durch Demonstrationen blockiert und die Bürger/innen organisierten den Nahverkehr über Mitfahrgelegenheiten in Privatautos. Zu diesem Zweck klemmten sich Autobesitzer/innen einen roten Punkt hinter die Windschutzscheibe und signalisierten damit, dass sie bereit waren, Personen kostenfrei mitzunehmen. Sowohl die Blockade-Aktionen als auch die Rote-Punkt-Aktion wurden auf breiter Basis von der Bevölkerung getragen. Als erste große Basisbewegung der Bundesrepublik Deutschland war die Aktion ein großer Erfolg und Vorbild für spätere Proteste.

Protest gegen die IDEE-Militärelektronik-Messe 1982

1982 lud die Messe-AG die Militärelektronikmesse IDEE nach Hannover ein. Die Ausstellung stieß in der Bevölkerung mehrheitlich auf Ablehnung. Bereits im Vorfeld kam es zu Protesten und zu Anträgen im Rat, die sich gegen die Durchführung der IDEE in Hannover richteten. Über Großdemonstrationen mit bis zu 40.000 Teilnehmer/innen, Straßenblockaden und vielfältigen Protestformen wurde nicht nur Opposition geäußert. Auch die Abläufe der Messe wurden massiv gestört. In der Stadt führte der Protest zu einer Auseinandersetzung mit Rüstungspolitik und Waffenproduktion sowie zu einer breiten Debatte über legitime und illegitime Protestformen.

Die Besetzung des Sprengel-Geländes 1983/1987

Aufgrund des massiven Wohnraummangels in Hannover wurde 1983 die ehemalige Schokoladenfabrik Sprengel in der Nordstadt besetzt und bald darauf wieder geräumt. 1987 erfolgte eine zweite Besetzung. Die Besetzer/innen richteten die maroden Gebäude auf dem 16.000 m² großen Gelände in Eigeninitiative so weit wieder her, dass sie dort leben konnten. Daneben richteten sie Ateliers, Werkstätten und Kneipen ein. Die Besetzer/innen erfuhren Sympathie und Unterstützung seitens der Bürger/innen und wollten offene Strukturen schaffen, in denen jeder Mensch willkommen war. Doch die Auseinandersetzungen spitzten sich teils massiv zu. Nach Verhandlungen und Auseinandersetzungen, die sich über Jahre hinzogen, war durch Unterstützung aus dem Stadtteil schließlich eine Legalisierung für einen Teil der besetzten Gebäude durchsetzbar.

Der Tod von Halim Dener 1994

Der Militärputsch 1980 in der Türkei führte zur Flucht vieler Menschen, insbesondere aus den kurdischen Gebieten, nach Deutschland. In Folge der Haltung der Bundesregierung, welche die Militärdiktatur in der Türkei auf verschiedenen Ebenen unterstützte – unter anderem durch das PKK-Betätigungsverbot 1993 – spitzte sich die Situation in Hannover 1994 besonders zu. In der Nacht zum 30. Juni 1994 entdeckten zwei Zivilbeamte der Polizei mehrere Jugendliche, die auf dem Steintorplatz Plakate der Nationalen Befreiungsfront Kurdistans klebten. Bei der Festnahme wurde einer der Jugendlichen – Halim Dener – durch einen Schuss aus einer Polizeiwaffe getötet. Die Polizei gab an, dass sich der Schuss unbeabsichtigt gelöst hätte. In der Folge gab es in der Region massive Proteste der kurdischen Gruppen. Der Bezirksrat Linden-Limmer beschloss 2017 die Benennung eines Platzes nach Halim Dener, die aber von der regionalen Aufsichtsebene unterbunden wurde. Grundsätzlich macht der Umgang mit dem Tod Halim Deners problematische Doppelbewertungen politischer Protestbewegungen deutlich – je nachdem, ob sie von der deutschen Mittelschicht oder von Menschen mit Migrationsgeschichte getragen werden.

LGBTIQ-Bewegung in Hannover und Umgebung

Auch in Hannover entstand seit den Siebzigerjahren eine Vielzahl schwul-lesbischer und Transgender-Initiativen. Bereits Anfang der 1990er-Jahre lud die schwul-lesbische Community in Hannover traditionell an Pfingsten zu Großveranstaltungen auf dem Opernplatz ein. Im »Rosa Reader« waren 1998 über 80 Initiativen, Treffpunkte und Gruppen aufgeführt – und das waren nicht einmal alle.

Darüber hinaus untersuchten die Jugendlichen den Anti-Atomwiderstand in der Region Hannover in den Siebziger- und Achtzigerjahren und die unter dem Motto »Romane Aglonipe – Roma voran!« geführten politischen Auseinandersetzungen um ein unbeschränktes Bleiberecht für Roma und Sinti.

Ausstellungen & Diskussionsformate

Die Hannoveraner Bürgerinnen und Bürger erhielten nach Abschluss der Recherchen und Interviews die Chance, die umfangreichen Inhalte und Materialien in einer Ausstellung im Nachbarschaftscafé von FAUST e.V. zu erleben. Auf Großbildschirmen  und über Kopfhörer konnten Besucher/innen die fertigen Audiobeiträge hören und parallel das recherchierte Bildmaterial ansehen. Eine Besucherin war nach ihrer ersten Besichtigung so begeistert, dass auf ihre Anregung die Ausstellung anschließend auch im Eingangsbereich des Kulturzentrums Pavillon Hannover gastieren konnte. Ein Ort an dem  einige Tausend Besucher/innen die Ausstellung wahrgenommen haben, die auch als Tagestipp in der größten Tageszeitung Hannovers beworben wurde.

Neben der Wissensvermittlung und dem Austausch mit den Zeitzeug/innen stand eine Diskussion mit der Hannoveraner Bevölkerung über die recherchierten Themen auf dem Programm. Die begleitend zur Ausstellung durchgeführten Diskussionsveranstaltungen waren allerdings mit durchschnittlich 10 Besucher/innen – trotz
einer halbseitigen Ankündigung im Stadtteilblatt – nicht so gut besucht, wie vom Projektträger angestrebt. Rund 30 Schülerinnen und Schüler diskutierten jedoch im Rahmen einer Zusatzveranstaltung an der Integrierten Gesamtschule Linden über die Kernthemen der Ausstellung. Die Collagen haben damit ihren Zweck erfüllt – die Jugendlichen für die Geschichte politischer Partizipation in Hannover zu sensibilisieren.

Die recherchierte Geschichte der Bürgerbewegungen Hannovers ist langfristig für die Öffentlichkeit zugänglich: Die Präsentation der Radiofeatures (http://radioflora.de/podcast/collagen-zur-demokratiegeschichte/) und der Archivseiten (www.buergerbewegungen-geschichte-hannover.de) ist online abrufbar. Dieses »Archiv zur Demokratiegeschichte« soll mittelfristig um weitere Themen ergänzt werden.

Kontakt und weitere Informationen

FAUST e.V.
Jörg Djuren
Zur Bettfedernfabrik 3
30451 Hannover
Web: www.kulturzentrum-faust.de
Mail: info(at)kulturzentrum-faust.de

Ansprechpartner für das Programm »Werkstatt Vielfalt«

Björn Götz-Lappe & Timo Jaster
Stiftung Mitarbeit
Ellerstraße 67
53119 Bonn
Tel. (02 28) 6 04 24-12/-17
Fax. (02 28) 6 04 24-22
E-Mail:goetz-lappe(at)mitarbeit.de
jaster(at)mitarbeit.de