»Veränderungen gelingen besser auf der Basis eines breiten Mitgestaltungsprozesses«
Stiftung Mitarbeit im Gespräch mit Katja Dörner
Katja Dörner gehört seit dem Jahr 2022 dem Kuratorium der Stiftung Mitarbeit an. Im November 2025 ist Katja Dörner aus ihren Ämtern als Oberbürgermeisterin von Bonn und Vize-Präsidentin des Deutschen Städtetags ausgeschieden.
Katja Dörner weist darauf hin, dass sie heute die Bedrohung von Demokratie und Rechtsstaat in Deutschland durch das weitere Erstarken des Rechtsextremismus und die Bewegung der politischen Mitte nach rechts wie auch durch internationale Entwicklungen noch deutlich größer und gravierender einschätzt als zum Zeitpunkt des Gesprächs im November 2024.

Frau Dörner, gibt es in Ihrem Leben eine demokratische Urerfahrung oder einen Moment, an dem Sie persönlich gemerkt haben, dass Demokratie wichtig ist?
Eine demokratische Urerfahrung in dieser Dimension gibt es nicht, wohl aber Punkte in meinem Leben, an denen ich zu einem politischen Menschen geworden bin. Ich erinnere mich beispielsweise noch sehr gut an die Bundestagswahl 1998. Ich bin Jahrgang 1976 und kannte bis dahin keinen anderen Bundeskanzler als Helmut Kohl. Und in dieser Nacht ist dieser Mensch, der für mich immer Bundeskanzler war, nicht wiedergewählt worden. Damals war ich Studentin hier in Bonn und habe mit einer Kollegin, die bei den Sozialdemokraten organisiert war, in einer WG gewohnt, und wir sind dann in die SPD-Baracke 1 gefahren und haben gedacht: Ja, hier hat eine Wahl eine echte Veränderung hervorgebracht.
Wie schätzen Sie die politische Situation in Deutschland im Moment ein?
Zum einen bin ich beruhigt, dass wir meines Erachtens eine stabile Demokratie haben und dass sie durch unser Grundgesetz solide geschützt ist. Trotzdem nehme ich eine zunehmende Bedrohung der demokratischen Prozesse und der demokratischen Institutionen wahr. Die Demokratie wird von innen ausgehöhlt, weil deren Feinde die Möglichkeit haben, die demokratischen Strukturen zu nutzen. Dieser Prozess ist aus meiner Sicht im Gange und durchaus auch schon fortgeschritten. Wir haben eine sehr gute und solide demokratische Basis, aber der Zeitpunkt, sich aktiv in die Demokratie einzubringen, ist jetzt auf alle Fälle da. Und die Notwendigkeit, das zu tun, ist in ganz anderer Art und Weise gegeben als vielleicht noch vor zehn Jahren. Das ist meine Wahrnehmung.
Könnte man sagen, dass die politische Kultur gefährdet ist?
Ja, das ist sehr gut formuliert. Die politische Kultur hat sich negativ entwickelt. Das kann durchaus Ausmaße annehmen, die unsere Demokratie gefährden. Meiner Wahrnehmung nach ist das Ausmaß der Lüge und der bewussten Nutzung von Unwahrheiten in den letzten Jahren eklatant gestiegen. Ich habe eine gewisse Parlamentserfahrung mit meinen elf Jahren im Deutschen Bundestag. Dass von demokratischen Parteien dermaßen mit Lügen gearbeitet worden ist, habe ich zumindest zu Beginn meiner Bundestagszeit überhaupt nicht so wahrgenommen. Da gab es auch Kontroversen und kontroverse Weltanschauungen und es gab auch harte Auseinandersetzungen. Ich erinnere mich zum Beispiel an Debatten über den Ausbau der Kinderbetreuung. Da wurde argumentiert, dass der Ausbau der Kinderbetreuung die Kinder schädigt und die Familien zerstört. Aber das war eine Auseinandersetzung über Meinungen, damit kann man umgehen. Etwas anderes ist es, wenn permanent Dinge behauptet werden, von denen die Person, die sie behauptet, auch weiß, dass sie nicht stimmen. Das Ausmaß der Lüge und der bewussten Nutzung der Unwahrheit hat in den letzten Jahren eine neue Qualität bekommen – im negativen Sinne.
Welche drängenden Grundkonflikte gibt es aus Ihrer Sicht in unserer Gesellschaft, die die politische Kultur unter Druck setzen?
Der Kern ist die Frage nach der Notwendigkeit von Veränderungen. Das zeigt sich beim Thema Klimaschutz sehr stark. Ich denke, dass es bei diesem Thema mittlerweile zu Verhärtungen zwischen den Bevölkerungsgruppen kommt. Auch die Verteilungsfrage ist ein Grundkonflikt in der Gesellschaft, das Auseinanderdriften von wenigen, sehr Reichen und vielen, die keine Teilhabechancen mehr haben. Das ist ein höchst relevanter gesellschaftlicher Konflikt, der in der Politik nicht so reflektiert wird, wie es nötig wäre. Zudem sind die Fragen zur Außen- und Sicherheitspolitik in einem ganz anderen Ausmaß aktuell.
Ein weiteres politisches Großthema ist der Klimaschutz und die Frage, wie eine Demokratie darauf reagieren sollte.
Ja, das ist eine Frage, die mich schon sehr lange beschäftigt, weil wir aktuell sehen, dass sich die Handlungsnotwendigkeiten, die sich mit der fortschreitenden Klimakrise aus meiner Sicht ergeben, nicht in den Ergebnissen unseres demokratischen Systems spiegeln. Wir müssten mit den Klimamaßnahmen viel schneller und viel besser sein, aber es gibt keine demokratischen Mehrheiten dafür. Das beschäftigt mich sehr und ich habe auch keine Antwort darauf. Außer natürlich die, dass man nur durch demokratische Prozesse überhaupt die Legitimation für irgendeine Art von Handeln haben kann.
Gibt es auch im Klimaschutz den NIMBY-Gedanken2? Nach dem Motto: Klimaschutz gerne, aber bitte nicht bei mir. Das erlebt man in der Kommunalpolitik doch sicher auch.
Natürlich, klar. Das erleben wir in der Kommunalpolitik übrigens immer dann sehr eklatant, wenn es um das Thema Wohnen geht. Alle sagen, wir brauchen mehr Wohnungen, wir müssen bauen, ganz klar. Auch Bonn ist eine wachsende Stadt, aber zugleich bekommt hier jedes einzelne Bauprojekt seine eigene Bürgerinitiative, wenn ich das etwas locker formulieren darf…
In Bonn spielt Bürgerbeteiligung eine große Rolle. Auch Sie persönlich haben sich als Politikerin für dieses Thema stark gemacht. Was ist die Idee dahinter?
[Während meiner Zeit als Oberbürgermeisterin] habe ich sehr auf Impulse aus der Stadtgesellschaft gesetzt. In Bonn gibt es unheimlich viel Engagement und es gibt viele Leute, die etwas einzubringen haben. Und diesen Mehrwert [wollte] ich für die Stadt nutzen, um mehr Input und mehr Ideen von außen zu erhalten. Und es ist natürlich auch eine Frage der Legitimation, insbesondere dann, wenn man weitgreifende Veränderungen anstößt. Dies gelingt meiner Erfahrung nach besser auf der Basis eines breiten Mitgestaltungsprozesses.
Schon der Austausch und das Gespräch sind ein Mehrwert für die Stadtgesellschaft.
Welche Rolle spielen die Leitlinien Bürgerbeteiligung, die die Stadt Bonn im Jahr 2014 in einem partizipativen Prozess zusammen mit Politik, Verwaltung und den Bürger/innen entwickelt hat?
Die Leitlinien spielen als Handlungsrahmen natürlich eine ganz große Rolle. Sie sind in der Stadt etabliert und das ist sehr positiv. Die Stadt Bonn hat sich ja schon früh mit dem Thema Bürgerbeteiligung befasst, da konnte ich mit meiner Arbeit als Oberbürgermeisterin gut dran anknüpfen. Klar ist, dass wir Beteiligung auf der gesamtstädtischen Ebene brauchen, zugleich ist aber auch die Quartiersebene ganz zentral. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, welche Rolle [die informelle Bürgerbeteiligung] spielt und in welchem Bezug sie beispielsweise zum gewählten Stadtrat und zur Stadtverwaltung steht. Welche Entscheidungskompetenz können solche Gremien wie Bürgerräte haben und wie bindend sind die getroffenen Beschlüsse, das ist ja eine grundsätzliche Frage, die sich im Feld der Bürgerbeteiligung immer wieder stellt, auch bei uns in Bonn.
Lässt sich Demokratie in der Kommune leichter gestalten als auf Bundesebene?
Ich würde schon sagen, dass es auf der kommunalen Ebene leichter ist. Weil sich die Menschen, die miteinander interagieren, in der Regel besser und näher kennen. Und weil die Probleme, die man lösen muss, so viel unmittelbarer sind. Dazu kommt, dass bestimmte Mechanismen, wie sie in der Bundespolitik normal sind, auf kommunaler Ebene gar nicht funktionieren, weil sie überhaupt nicht akzeptiert würden. Der Austausch unter den Parteien ist [auf kommunaler Ebene] viel durchlässiger und die Möglichkeit, auch mal anders abzustimmen, als es die Parteilinie vermeintlich erfordert, in einem Stadtrat viel normaler als im Bundestag. Da gibt es das gar nicht, da gibt es nur Opposition versus Regierung. Auf der kommunalen Ebene muss man es zum Glück nicht so strikt handhaben – und das ist sicherlich demokratischer.
Anmerkungen
2 NIMBY, engl. für »Not in my backyard«. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/NIMBY





