mitarbeiten (1/2018)

Bürgerbeteiligung in der Praxis

Wie geht gute Bürgerbeteiligung heute? Welche Verfahren und Methoden werden wann, wie und warum genutzt? Und welche guten Beispiele aus dem vielfältigen Beteiligungsalltag in Städten und Kommunen gibt es? Eine neue Publikation der Stiftung Mitarbeit wirft einen aktuellen Blick auf die vielschichtige Praxis der Bürgerbeteiligung im deutschsprachigen Raum. Die Publikation ist in Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT) entstanden.

Bürgerbeteiligung ist keine Zauberei, sondern ein Handwerk, das sich lernen lässt. Zu diesem Handwerk gehört auch das Wissen um die Methoden, Verfahren und Anwendungsbereiche dialogorientierter Bürgerbeteiligung. In diesem Sinne möchte die neue Publikation einen Beitrag dazu leisten, allen am Thema interessierten Menschen beim persönlichen Kompetenzaufbau zu helfen. Sie richtet sich an Praktiker/innen und Verantwortliche aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft.

In Fortführung der zum Standardwerk avancierten Vorgängerpublikation »Praxis Bürgerbeteiligung« unternimmt die neue Publikation auf mehr als dreihundert Seiten einen sachkundigen und erfahrungsbasierten Streifzug durch die Welt der dialogischen Bürgerbeteiligung und Demokratie.

Die Herausgeber/innen der Publikation stellen in einem einführenden Kapitel Grundlagen und Qualitätskriterien guter Bürgerbeteiligung vor und werfen einen Blick auf die aktuelle Beteiligungspraxis. Die repräsentative Demokratie ist auf dialogorientierte, deliberative Formen der Bürgerbeteiligung angewiesen, um die politischen Herausforderungen der Zukunft bestehen zu können. Mit der von einer Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger gewünschten »beteiligungspolitischen Wende« verbinden sich eine bessere Legitimation und eine höhere Akzeptanz politischer Entscheidungen. Klug eingesetzte und professionell durchgeführte Bürgerbeteiligung hilft dabei, die Leistungsfähigkeit der Demokratie zu erhöhen.

Von Aktivierender Befragung bis Zukunftskonferenz: die annähernd 60 Autorinnen und Autoren des Buchs stellen insgesamt etwa dreißig erprobte und der (Fach-)Öffentlichkeit geläufige Methoden und Verfahren der Bürgerbeteiligung ebenso vor wie noch weniger bekannte Formate und Anwendungen.

Die Bürgerausstellung beispielsweise ist im Vergleich zu den bereits in den 1970er Jahren entwickelten Beteiligungsmethoden wie Planungszelle oder Zukunftswerkstatt eine noch eher neue Beteiligungsmethode. Sie beteiligt verschiedene Interessengruppen, indem sie ihre Perspektiven, Meinungen und Vorschläge im Hinblick auf ein Problem oder einen Konflikt öffentlich präsentiert und diskutiert. Auf dieser Grundlage hat es in den vergangenen 15 Jahren in Deutschland zahlreiche Bürgerausstellungen gegeben.

Der Bürgerrat ist ein Instrument der Politikberatung und eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Bevölkerung und Politik. In Österreich findet die Methode breite Anwendung. Unterstützt durch eine spezielle Form der Moderation erarbeiten zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger einer Gemeinde oder eines Bundeslandes an einem Wochenende Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen.

Beim Charette-Verfahren arbeiten Bürger/innen, Verwaltungsmitarbeiter/innen und Expert/innen im Rahmen eines öffentlichen Planungsworkshops zusammen. Sie erarbeiten gemeinsam an guten Lösungen für anstehende kommunale Planungsaufgaben. Am Schluss steht ein öffentliches Forum, in dem die Ergebnisse vorgestellt und in die politische Entscheidungsfindung eingebracht werden.

Dragon Dreaming ist eine hierzulande noch kaum genutzte Methode der Bürgerbeteiligung. Dragon Dreaming ist ein geeignetes Instrument, um Projekte durchzuführen, die vor allem im Bereich der nachhaltigen Gemeinschaftsentwicklung angesiedelt sind. Dragon Dreaming stützt sich in der Umsetzung auf vielfältige Erkenntnisse und Inspirationen aus Geschichte, Wissenschaft und unterschiedlichen kulturellen und spirituellen Traditionen. Sie wurde erstmals im Rahmen eines Entwicklungshilfeprojekts im Hochland von Papua-Neuguinea angewandt.

Zwei kreative Werkzeuge für eine partizipative Demokratie sind das Forumtheater und das mit ihm verwandte Legislative Theater. Das Forumtheater ist eine spezielle interaktive Aufführungsform, bei der das Publikum eingeladen wird, sich am Spielgeschehen zu beteiligen. Ziel ist es, Lösungs- und Veränderungsideen für einen theatralisch dargestellten Konflikt oder ein soziales Problem auszuprobieren. Das Legislative Theater knüpft daran an, in dem es die durch das Publikum eingebrachten Ideen und Vorschläge für gesellschaftliche Veränderungen und Verbesserungen sammelt, dokumentiert und reflektiert. Die so erzielten Ergebnisse, oftmals politische Vorschläge und Forderungen, werden den zuständigen politischen Gremien vorgelegt und kommuniziert.

Ein niedrigschwelliges Beteiligungsangebot sind dialogische Stadtteilspaziergänge. Grundlage des Formats ist das unmittelbare Erleben ausgewählter Orte und seiner Atmosphären. Dialogische Spaziergangsveranstaltungen verstehen sich als eine »Talk-Show in Fortbewegung« und leisten einen spezifischen Beitrag zu Beteiligungsprozessen. Entlang der Route kommen lokale Expert/innen aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft zu Wort, um die Fragestellungen, die sich mit den Orten verbindenden, zu diskutieren.

Die Publikation bietet den Leserinnen und Lesern eine Mischung aus handlungsorientiertem Grundlagenwissen und leicht zu lesendem Methodenkompendium. Das Ganze wird durch viele Praxisbeispiele gerahmt.

Stiftung Mitarbeit/ÖGUT (Hrsg.): Bürgerbeteiligung in der Praxis. Ein Methodenhandbuch. Verlag Stiftung Mitarbeit, Bonn 2018, Arbeitshilfen für Selbsthilfe- und Bürgerinitiativen Nr. 52, 320 Seiten, 17,00 Euro, ISBN 978-3-941143-34-6

Die Publikation kann ab sofort bestellt werden.