»Kinderbeteiligung vor Ort«

Neuerscheinung

Die umfassende Beteiligung von Menschen jeden Alters an der Gestaltung ihrer Lebensumstände sollte in Demokratien selbstverständlich sein. Das Ausmaß, in dem dies geschieht, ist ein sicherer Gradmesser für die Qualität der Demokratie in einem Land oder einer Gemeinde. Trotz deutlicher Fortschritte in Theorie und Praxis gibt es noch erhebliche Defizite in der Umsetzung dieser demokratischen Basisnorm. Das gilt besonders für die Beteiligung junger Menschen von Geburt an bis zu einem Alter von 12-14 Jahren – also für die Lebensphase, die hierzulande üblicherweise mit dem Begriff Kindheit verbunden wird. Wie vor diesem Hintergrund Kinderbeteiligung gelingen kann, welche Grundlagen sie braucht und welche guten Beispiele es gibt, zeigt eine neue Publikation der Stiftung Mitarbeit.

Kinder sind nicht nur die Zukunft kommunaler Gemeinschaften, sie sind auch die Gegenwart. Kinder sind von zahlreichen kommunalpolitischen Entscheidungen mittelbar und unmittelbar betroffen. Dies haben auch die Gesetzgeber erkannt und jenseits der Kinderrechte Rechtsgrundlagen für die verbindliche Beteiligung von Kindern und Jugendlichen geschaffen. Es geht im kommunalen Alltag zum einen um die Umsetzung der rechtlichen Verpflichtung, aber auch darum, mit der jüngsten Generation der Kommune in einen Austausch zu kommen, sie zu fragen und mit ihnen zu reden – ob im Kindergarten, in der Grundschule, auf dem Spielplatz, in einer Kindergruppe eines Verbands oder bei der Kinderspielstadt in den Sommerferien. So erfahren Kinder von klein auf, dass sie Teil der kommunalen
Gemeinschaft sind und durch ihr Handeln aktiv das Gemeindeleben mitgestalten können.

Wenn Kinder und Jugendliche früh Beteiligungserfahrungen sammeln und dabei erleben, dass ihre Anliegen gehört werden und wichtig sind, werden sie sich später als mündige Bürgerinnen und Bürger für ihr Gemeinwesen einsetzen. Darüber hinaus erwerben sie Kenntnisse und Kompetenzen, indem sie beispielsweise lernen, wie ihre Anliegen weiterentwickelt und – idealerweise – umgesetzt werden.

Kinder wachsen mit ihren Familien in die Kommunen hinein und sammeln dort wichtige Lebenserfahrungen. In der Begegnung der Generationen erfahren Kinder, was es bedeutet, im öffentlichen Raum zu leben und wie sich unterstützende, einladende und ermutigende Beziehungen gestalten können. Die Beteiligung von Kindern schafft Identifikation mit dem Lebensraum, mit der Gemeinde, mit der Stadt. Vorhandene Möglichkeiten und der erwartbare Nutzen von Beteiligung für die Kinder wie die Kommunen werden jedoch regelmäßig unterschätzt. Gute Argumente können helfen, ein Umdenken bei skeptischen oder desinteressierten Erwachsenen, in Kommunalpolitik und -verwaltung zu fördern. Sie können Eltern ermuntern, die Mitsprache ihrer Kinder in Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen, aber auch in der Gestaltung des lokalen Gemeinwesens insgesamt einzufordern. Roland Roth zeigt vor diesem Hintergrund praxisnah und mit guten Argumenten auf, wieso Kommunen Kinder beteiligen sollten.

Das zentrale Dokument, um das sich die Debatte über die Beteiligung junger Menschen seit einigen Jahrzehnten dreht, ist die 1989 vorgelegte und in den Folgejahren von fast allen Nationen ratifizierte Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Von den großen Ländern des Westens sind einzig die Vereinigten Staaten von Amerika dieser internationalen Übereinkunft nicht beigetreten. Neben Schutz und Entwicklung ist das Recht auf Beteiligung eine tragende Säule dieser Konvention. Vorausgesetzt wird, dass Kinder Rechtssubjekte sind, deren Schutz und Entwicklung nicht nur eine Verpflichtung der Eltern, sondern auch des Staates und aller gesellschaftlichen Institutionen ist, die für Kinder bedeutsam sind. Die Beteiligung von Kindern an sozialen und politischen Entscheidungsprozessen ist deshalb ein zentraler Bestandteil moderner Kinderrechtsarbeit und ein wichtiger Beitrag zum Aufbau von Demokratiekompetenz. Kinder sind nicht nur passiv auf die Fürsorge von Erwachsenen angewiesen, sondern haben das Recht, in Fragen, die sie betreffen, gehört zu werden.

Es wurden in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Formate entwickelt, um Kindern eine aktive Beteiligung an gesellschaftlichen und politischen Prozessen – insbesondere auf kommunaler Ebene – zu ermöglichen. Es gibt mindestens 200 verschiedene Methoden, die für die partizipative Arbeit mit Kindern geeignet sind. Die Formen der Kinderbeteiligung sind dabei sehr vielfältig und hoch entwickelt, sie bieten je nach Kontext unterschiedlichste Ansätze und Beteiligungsmöglichkeiten. Waldemar Stange stellt in seinem Beitrag ausgewählte Formen der Kinderbeteiligung vor.

Was brauchen Kinder und Jugendliche also, um Demokratie leben und auch »aushalten« zu können? Welche Kompetenzen sind hierfür notwendig? Und wie können diese Kompetenzen in der frühkindlichen, der schulischen und außerschulischen Bildung gezielt vermittelt werden? Martina Bechtle stellt in ihrem Beitrag verschiedene Wege vor, wie sich die Demokratiefähigkeit von Kindern fördern lässt.

Kommunen sind – nicht nur für Kinder – alltägliche Lernorte und Entwicklungslabore für demokratisches Bewusstsein. Die Gemeinde ist dann für Menschen ein hervorragender Bildungs- und Beteiligungsort, wenn die bildungsrelevanten Akteure miteinander gut vernetzt sind. Was »Community Education« als Teil der (politischen) Bildung in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit und »Citizenship Education« im kommunalen Kontext gemeinsam haben und was es für die Kinderbeteiligung einer Kommune bedeutet, erläutert Udo Wenzl in seinem Beitrag.

Stiftung Mitarbeit (Hrsg.): Kinderbeteiligung vor Ort. Kinder gestalten Dorf und Stadt. Beiträge zur Demokratieentwicklung Nr. 33, Verlag Stiftung Mitarbeit, Bonn 2025, 344 S., ISBN 978-3-941143-54-8

mitarbeiten 4/2025

mitarbeiten 1/2026

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Ulrich Rüttgers
Tel. (02 28) 6 04 24-19
ruettgers(at)mitarbeit.de