»Demokratie lebt davon, dass Menschen erfahren: Mein Engagement macht den Unterschied«

Gespräch mit Jörn Luft, neuer Vorstandsvorsitzender der Stiftung Mitarbeit

Jörn Luft ist neuer Vorstandsvorsitzender der Stiftung Mitarbeit. Er tritt damit die Nachfolge von Hanns-Jörg Sippel an, der nach mehr als dreißig Jahren Tätigkeit für die Stiftung in den Ruhestand gewechselt ist. Wie Jörn Luft auf die Stiftung Mitarbeit blickt und welche Schwerpunkte er gemeinsam mit dem Team setzen will, zeigt er im Gespräch.

Jörn, wenn du mit noch frischem Blick von außen auf die Stiftung Mitarbeit blickst: Was siehst du dann?

Wenn ich auf die Stiftung schaue, dann sehe ich eine Organisation mit einer klaren Überzeugung: Eine lebendige und resiliente Demokratie braucht eine starke Zivilgesellschaft. Dafür arbeitet die Stiftung Mitarbeit seit vielen Jahrzehnten – mit großer Kontinuität und zugleich mit dem Blick nach vorn. Was mich besonders beeindruckt, ist die Verbindung von Erfahrung und Innovationskraft. Die Stiftung baut auf das Wissen aus rund sieben Jahrzehnten und entwickelt daraus immer wieder neue Angebote für Menschen, die sich in Vereinen, Initiativen oder Kommunen engagieren, teils mit Partnern und Partnerinnen, teils alleine. Sie motiviert, qualifiziert und vernetzt Menschen, die unsere Gesellschaft aktiv mitgestalten wollen. Mindestens genauso beeindruckt haben mich die Menschen, die hier arbeiten. Ich erlebe viel Kompetenz, großes Engagement und den ehrlichen Wunsch, andere zu unterstützen. Dieses Herzblut spürt man in der täglichen Arbeit – und es ist aus meiner Sicht eine der großen Stärken der Stiftung.

Die Demokratie ist im Wandel, manche sagen: in der Krise. Welche Herausforderungen stellen sich für dich in dem Zusammenhang?

Wir erleben gerade eine Zeit großer Veränderungen und Unsicherheiten. Der Klimawandel, internationale Krisen und die zunehmende soziale Spaltung unserer Gesellschaft beschäftigen viele Menschen. Hinzu kommt, dass sich manche nicht mehr ausreichend gesehen und gehört fühlen. Das Vertrauen in die Fähigkeit von Politik und Institutionen schwindet, die großen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen. Ich glaube, dass wir diese Herausforderungen nur gemeinsam lösen können. Dafür brauchen wir eine starke Demokratie, eine aktive Zivilgesellschaft und Kommunen, die offen für Zusammenarbeit sind. Mich stimmt dabei optimistisch, dass viele Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Millionen engagieren sich bereits freiwillig und viele weitere können sich ein solches Engagement vorstellen. Die eigentliche Herausforderung besteht aus meiner Sicht darin, dieses Engagement wirksam werden zu lassen. Menschen wollen nicht nur mithelfen, sondern auch mitgestalten. Sie möchten erleben, dass ihre Ideen und ihr Einsatz etwas bewirken. Genau hier sehe ich eine wichtige Aufgabe der Stiftung Mitarbeit, nämlich Menschen zu ermutigen und zu befähigen, sich einzubringen und zugleich Kommunen dabei zu unterstützen, Beteiligung ernsthaft zu ermöglichen. Die Demokratie lebt davon, dass Menschen erfahren: Mein Engagement macht den Unterschied.

Die Erfahrung zeigt, dass gesellschaftlicher Wandel in der Regel von unten kommt. Wie wichtig ist für dich die Zivilgesellschaft als Motor und Treiber von Veränderungen? 

Für mich steht außer Frage, dass gesellschaftlicher Wandel eine starke Zivilgesellschaft braucht. Viele wichtige Entwicklungen beginnen nicht in Ministerien oder Verwaltungen. In meiner bisherigen Arbeit habe ich immer wieder erlebt, dass wichtige Impulse von Menschen ausgehen, die sich vor Ort engagieren. Sie warten nicht darauf, dass andere Probleme lösen, sondern werden selbst aktiv. Was mir immer wieder aufs Neue imponiert, ist die Kreativität, die Tatkraft und der lange Atem vieler Engagierter. In Vereinen, Initiativen und Nachbarschaften entstehen Lösungen, die oft weit über den ursprünglichen Anlass hinauswirken. Darin steckt ein enormes Innovationspotenzial für unsere Gesellschaft. Viele Veränderungen, die wir heute für selbstverständlich halten, haben einmal als Idee in einem Verein, einer Initiative oder einer Nachbarschaft begonnen. Gleichzeitig bin ich überzeugt: Wirklich erfolgreich sind wir dann, wenn Zivilgesellschaft und Kommunen zusammenarbeiten. Die besten Ideen entfalten ihre Wirkung, wenn sie auf offene und kooperative Strukturen vor Ort treffen. Beteiligung braucht Engagement – und Engagement braucht gute Rahmenbedingungen. Beides gehört zusammen. Gerade angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit brauchen wir diese Zusammenarbeit mehr denn je. Denn die Zukunft wird nicht von einzelnen Akteuren gestaltet, sondern im Zusammenspiel von engagierten Einwohnerinnen und Einwohnern, Kommunen, Politik und Wirtschaft. Diese Zusammenarbeit auf Augenhöhe halte ich für einen Schlüssel, wenn wir unsere Städte und Gemeinden zukunftsfähig gestalten wollen.

»Orte des Mitmachens und Mitgestaltens zu stärken, ist für mich ein wichtiger Faktor für die Zukunft unserer Demokratie« 

Welche Aufgaben ergeben sich vor diesem Hintergrund für die Arbeit der Stiftung Mitarbeit? Welche inhaltlichen Schwerpunkte möchtest du setzen?

Für mich bleibt die zentrale Aufgabe der Stiftung Mitarbeit unverändert: Wir wollen Menschen dabei unterstützen, unser Zusammenleben in Städten und auf dem Land aktiv mitzugestalten. Denn Demokratie lebt nicht nur von Wahlen, sondern davon, dass Menschen im Alltag erfahren, dass sie etwas bewirken können. Das ist aus meiner Sicht heute wichtiger denn je. Deshalb werden die Förderung von Beteiligung und die Stärkung der Zivilgesellschaft auch künftig ein Schwerpunkt unserer Arbeit sein. Mir ist dabei wichtig, Beteiligung nicht nur als Mitreden zu verstehen. Mich interessiert vor allem wie und an welchen Orten Kommunen und Zivilgesellschaft gemeinsam Lösungen entwickeln und Verantwortung übernehmen. Ich möchte den Blick deshalb stärker auch auf die Orte richten, an denen dieses Miteinander gelingt: Nachbarschaftshäuser, Mitmachprojekte, Dritte Orte, Bürgerzentren und vieles mehr. Dort erleben Menschen ganz konkret, was Demokratie bedeutet. Dort entstehen Vertrauen, Zusammenhalt und die Erfahrung, selbst etwas verändern zu können. Solche Orte des Mitmachens und Mitgestaltens zu stärken, ist für mich ein wichtiger Faktor für die Zukunft unserer Demokratie und könnte ein Schwerpunkt für die Arbeit der Stiftung in den kommenden Jahren sein.

Welches Engagement hat dich selbst in letzter Zeit begeistert? Und gibt es etwas, für das du dich persönlich engagierst?

Besonders beeindruckt hat mich in letzter Zeit das Projekt BELLA PARK des Vereins gegen Müdigkeit e.V. in Heidelberg, das die Stiftung Mitarbeit im Förderfonds Begegnung und Zusammenhalt mit Unterstützung der Stiftung Mercator auszeichnen konnte. Dort ist es einer Initiative gelungen, eine vernachlässigte Grünfläche gemeinsam mit der Nachbarschaft und unterschiedlichen Nutzergruppen neu zu gestalten und in einen lebendigen Ort der Begegnung zu verwandeln. Mich begeistert an diesem Projekt, dass es beispielhaft zeigt, was entstehen kann, wenn Menschen vor Ort Verantwortung übernehmen und gemeinsam etwas bewegen wollen. Aus einer eher unbeachteten Fläche ist ein Ort des Miteinanders geworden. Solche Projekte machen für mich sehr greifbar, welche Kraft in einer engagierten Zivilgesellschaft steckt. Persönlich engagiere ich mich seit vielen Jahren im Netzwerk Immovielien. Dort unterstützen wir Projekte auf vielfältige Weise, die Immobilien von Vielen für Viele entwickeln und nutzen. Immovielien schaffen Räume für Begegnung, Beteiligung und gemeinschaftliches Handeln – also genau die Orte, an denen Demokratie im Alltag erfahrbar wird.

mitarbeiten 2/2026

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Ansprechpartner

Ulrich Rüttgers
Tel. (02 28) 6 04 24-19
ruettgers(at)mitarbeit.de


Steckbrief


Jörn Luft

   Seit April 2026 ist Jörn Luft Vorstandsvorsitzender der Stiftung Mitarbeit. Gemeinsam mit dem Team entwickelt er die Stiftung strategisch weiter und stärkt ihre Rolle als Impulsgeberin für Beteiligung, Demokratie und Engagement an der Schnittstelle zwischen Kommune und Zivilgesellschaft. Zuvor war er acht Jahre Mitglied des Vorstands der Stiftung trias – gemeinnützige Stiftung für Boden, Ökologie und Wohnen. Als Gründungsmitglied des Netzwerks Immovielien prägte er dessen Aufbau über viele Jahre im Vorstand und wirkt heute im Beirat mit. Berufliche Erfahrungen sammelte er außerdem bei der Montag Stiftung Urbane Räume und im Bundesamt für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Sein besonderes Interesse gilt der gemeinwohlorientierten und koproduktiven Stadt- und Regionalentwicklung sowie der Unterstützung von Initiativen, die demokratische Teilhabe stärken und gemeinschaftlich getragene Orte für Begegnung und gesellschaftliche Transformation schaffen.