mitarbeiten (2/2020)

»Das Land kommt kaum vor«

Gespräch mit Dr. Wolf Schmidt

Die meisten Menschen in Deutschland leben auf dem Land. Die vorherrschenden Sichtweisen über Politik und Gesellschaft kommen dagegen in der Regel aus der urbanen Welt. Zwar stehen auch Städte vor vielfachen Herausforderungen; der ökonomische, soziale und kulturelle Wandel der letzten Jahrzehnte ist aber im ländlichen Raum oft besonders spürbar. Damit einher geht eine Ungleichverteilung von Lebenschancen, die in den ländlichen Gebieten unter anderem zu Abwanderung, zum Rückbau von Infrastruktur und dem Abbau lokaler Demokratie führt. Die Diskrepanz von ländlicher Majorität und urbaner Meinungshoheit steht im Mittelpunkt des Gesprächs mit Dr. Wolf Schmidt, Stiftungsratsvorsitzender der Mecklenburger AnStiftung. Er zeigt, wie die Differenz von Ländlichkeit und Urbanität zunehmend zu gegenseitigem Missverstehen führt und was sich dagegen tun lässt.

Wolf Schmidt, Sie leben seit einigen Jahren im ländlichen Raum Mecklenburg-Vorpommerns. Sie beschäftigen sich intensiv mit der Zukunft des ländlichen Raums und haben vor diesem Hintergrund den programmatischen Begriff der »neuen Ländlichkeit« geprägt. Was verstehen Sie darunter?
 
Blickt man auf den öffentlichen Diskurs, dann gibt es ganz schnell das Missverständnis, das ländliche Räume landwirtschaftliche Räume sind. Zwar ist die Landschaft agrarisch geprägt, dennoch haben die allermeisten der dort lebenden Menschen beruflich mit Landwirtschaft nichts mehr zu tun. Als ich geboren wurde, war jeder Vierte in der Landwirtschaft beschäftigt, heute sind es noch 1 bis 2 % der Menschen. Und trotz der Abwanderung sehen wir gleichzeitig, dass auf den Dörfern immer noch viele Menschen leben. Da stellt sich die Frage, was machen die da eigentlich? Und wenn man genauer hinschaut, dann stellt man fest, es gibt vor Ort nicht nur die, die geblieben sind, sondern auch Menschen, die neu dazu gezogen sind, mit ganz unterschiedlichen Berufen und Lebensentwürfen. Für diese Menschen spielen meines Erachtens drei Faktoren eine Rolle, nach denen sie die Qualität des ländlichen Raums bemessen: Natur, Kultur und, vielleicht das Wichtigste, die digitale Revolution, die – trotz aller limitierender Faktoren – die zivilisatorische Spaltung zwischen Stadt und Land zunehmend aufhebt. Ich glaube, dass die neue Ländlichkeit als Lebensentwurf für viele Menschen attraktiv sein kann, weil sie das Problem des viel beschworenen Leerlaufens ländlicher Räume löst und damit auch einen Beitrag zur Lebenstüchtigkeit der Stadt leistet, Stichworte Mietmarkt und Verkehrsinfarkt. Die neue Ländlichkeit und die Entwicklung ländlicher Räume sind eine Bedingung für das Florieren der Metropolen.
 
Wenn Menschen aus der Stadt aufs Land ziehen, treffen sie auf eine mehr oder weniger entwickelte Dorfgemeinschaft. Was passiert dann? 

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Der oberste Lehrsatz in diesem Zusammenhang heißt: jedes Dorf ist anders. Trotzdem kann man natürlich gewisse Typisierungen vornehmen, ein »Westdorf« hat andere Strukturen und interne Hegemonien als zum Beispiel ein früheres Gutsdorf in Mecklenburg-Vorpommern. Gleichzeitig ergeben sich auf dem Land viele neue kommunikative Zusammenhänge, ich nehme die Kontakt- und Kommunikationsstrukturen auf dem Dorf als vielfältiger wahr. In der Großstadt lebt man doch sehr in seinen abgeschotteten sozialen Welten, in einem Wohnviertel, das in der Regel einen mehr oder weniger homogenen sozialen Status hat. In meinem Dorf komme ich in Kontakt mit allen sozialen Schichten, mit ganz vielen Erfahrungen; diese offenen Gespräche haben mich sehr bereichert.

Der ländliche Raum ist seit einiger Zeit in die Mitte der politischen Agenda gerückt. Was macht in dem Zusammenhang die Kluft zwischen Stadt und Land aus Ihrer Sicht aus?

Wir Städter, sage ich jetzt mal, denken immer, die auf dem Land haben keine Ahnung von der Stadt. Das ist jedoch nicht richtig, meiner Beobachtung nach wissen Städter viel weniger über das Land, als Landbewohner über die Stadt. Dennoch unterscheidet sich die Weltwahrnehmung auf dem Land von der in der Stadt. Das lässt sich natürlich auch an Wahlergebnissen ablesen. Ich wohne in einem Dorf mit 250 Einwohnern, bei den letzten Landtagswahlen haben knapp 30 % der Wähler die AfD gewählt. Und da stellt sich die Frage, wie dieses Ergebnis eigentlich zu interpretieren ist, weil die Partei im Alltag meines Dorfs eigentlich keine Rolle spielt. Und da kommt sicher viel zusammen, Ost-West-Dinge spielen da eine Rolle, Wendeerfahrung spielt eine Rolle. Ich glaube, ein wichtiges Element ist auch ein Protestverhalten gegenüber einer Politik und einem dominanten politischen Diskurs, der sich aus der Stadt speist. Diese Diskurse sind von urbaner Politik, urbaner Verwaltung, urbanen Medien, urbanen Experten geprägt. Die Autorin Juli Zeh, die zugleich Verfassungsrichterin in Brandenburg ist, weist in dem Zusammenhang immer wieder auf die in ihrer Wahrnehmung steigende Diskrepanz der politischen Welten hin und darauf, dass die lebensweltlichen Probleme von Stadt und Land enorm auseinanderklaffen. Wenn in den Medien von Elektro-Tretrollern als Mobilitäts-Alternative die Rede ist, erscheine das für Menschen, die auf dem Land leben und auf das Auto, gerne Diesel, angewiesen sind, völlig absurd, besonders vor dem Hintergrund, dass es auf dem Land oft keinen regelmäßigen Busverkehr gibt, keinen Landarzt und kein Krankenhaus. Die Herausforderungen werden in der Regel nur durch die städtische Brille beleuchtet, das Land kommt kaum vor. Wenn wir über die Förderung des Bahnverkehrs reden, dann denken die Menschen auf dem Land, was habe ich davon, wenn der lokale Bahnhof vor zehn, zwanzig Jahren geschlossen wurde und es keinen Bus zum nächsten Bahnhof gibt, aber eine neue Schnelltrasse, wo ich die Züge vorbeirauschen sehen kann.

Oder nehmen wir das Thema Partizipation und Beteiligung. Es gibt Zahlen, die belegen, dass im Zuge der Gemeinde- und Kreisreformen bundesweit 300.000 Mandatsträger überflüssig geworden sind. Die sitzen jetzt nicht alle da und sagen, okay, ich bin mein Mandat los, jetzt kann ich mich bürgerschaftlich in neuen Initiativen engagieren, sondern die sind auch ein Stück weit frustriert. Gleichzeitig sind die Strukturen größer und die Identitätseinheiten gestört, wenn nicht zerstört worden, man findet immer schwieriger Menschen, die noch Mandate übernehmen wollen. Und das hängt eben auch damit zusammen, dass die kommunalen Kompetenzen beschnitten werden.

In meinem Bundesland hat das kommunale Parlament praktisch keinen Einfluss darauf, ob in der Gemeinde ein Windrad errichtet wird oder nicht, ob da Massenviehhaltung hinkommt oder nicht. Und daraus entsteht in ganz vielen Feldern so eine Haltung, uns hört man nicht, um uns kümmert man sich nicht. Aus dieser mangelnden Anerkennung und mangelnden Wahrnehmung entsteht ein Gefühl der Bedrohung.

Wie lässt sich damit politisch umgehen?

Darauf habe ich keine schnelle Antwort. Man muss die fundamentalen Interessen- und Weltwahrnehmungsunterschiede anerkennen und die Diskurse öffnen, damit sich Landbewohner wieder positiv von Politik adressiert fühlen. Und ich glaube, es gibt keine Alternative dazu, diese 30 %, von denen ich geredet habe, wieder in einen Zusammenhang mit dem Rest zu bringen, um es mal sehr neutral zu formulieren. Wir müssen ja miteinander leben. Was nicht heißt, dass man auf den Diskurs der AfD eingeht. Es gilt, sich abzugrenzen, aber man muss sich abgrenzen in einer grundsätzlichen Anerkennung der Legitimität von Differenz. Solange man keine Strafgesetze verletzt, darf man eben auch AfD wählen. Und darüber kann man sich streiten und das ist Teil einer Streitkultur, sich damit auseinanderzusetzen. Zugleich muss deutlich werden, wo sind Grenzen überschritten und was ist politische Abweichung, über die man streiten kann. Die eine Grenze setzt das Strafrecht, die zweite Grenze sind Fragen der fundamentalen Anerkennung der Würde des Anderen, also dem Anderen nicht das Existenzrecht abzusprechen, dialogfähig zu bleiben. Grundsätzlich sind Politik und Zivilgesellschaft zunehmend von Polarisierungen und Spaltungen durchdrungen. Deshalb kommt es darauf an, Räume zu stärken, zu erhalten, zu schaffen, die nicht dieser politischen Polarisierung ausgesetzt sind, wo es möglich ist, einfach zusammen zu feiern, zusammen zu reden, zusammen zu singen, zusammen zu tanzen. Es ist wichtig, den Anderen als Menschen zu erleben. Die Grundfrage ist: wenn wir die Menschen nicht abschaffen können, die uns nicht passen, wie gehen wir mit ihnen so um, dass ein Zusammenleben für alle produktiv, erträglich, vielleicht sogar angenehm ist?

Das vollständige Videogespräch mit Wolf Schmidt demnächst im Netz unter www.mitarbeit.de/publikationen/video_gespraeche